Arthur Patching – It Comes In Intentionally


Bln.fm-Redakteurin Agata Waleczek interviewte den Londoner Video-Artist Arthur Patching, der gerade seine Arbeiten bis zum 14. Oktober in der Gallery Untitled, Friedrichstraße 114, ausstellt. Einen Vorgeschmack auf Arthurs Arbeit bekommt ihr auf der Webseite der Saatchi-Galerie.

Agata: Was stellst du hier aus?

Arthur Patching (Foto: Sara Hussain)Arthur: Im Moment habe ich hier drei Video-Arbeiten in der Gallery Untitled. Zwei, die im Fenster ausgestellt sind – die man also von der Straße aus sehen kann. Die werden jeden Tag von 19h bis 24h gezeigt. Ich hab auch eine Arbeit drinnen, die während der Öffnungszeiten von 12h bis 18h von Donnerstag bis Samstag gezeigt wird. Die Arbeiten sind zu unterschiedlichen Zeiten entstanden, eine Arbeit 2004, eine andere 2007 und die letzte ist von 2009.

Agata: Worum geht es bei diesen Arbeiten?

Arthur: Ich bin besessen von medizinischen Themen und von Experimenten mit Menschen. Ich habe einen Charakter, der in vielen der Videos auftaucht. Ich nenne ihn „The Unknown Menace(Die unbekannte Bedrohung, Anm. d. Red.). Er trägt Latexhandschuhe und sieht aus wie ein Arzt,  aber man sieht nie das Gesicht.Es geht um das  Misstrauen in das medizinische System.

Agata: Apropos “Misstrauen” und “medizinische Experimente”. Wie haben die 1960 von der Yale Universität durchgeführten Milgram-Experimente deine Arbeit beeinflusst? Auf deiner Webpage weist du da auf einen Zusammenhang hin.

Arthur: Ich bin von diesen psychologischen Experimenten fasziniert. [Anmerkung der Redaktion: Bei diesen Experimenten ging es darum herauszufinden, ob Menschen autoritären Anweisungen Folge leisten, obwohl sie im Widerspruch zu ihrem Wissen und ihrer Moral stehen.] Obwohl die Teilnehmer aufhören wollten, haben sie weiter auf die Anweisungen der Ärzte gehört. Es werden immer noch viele solcher Experimente durchgeführt. Hier in Berlin zum Beispiel gab es in den letzten Wochen den Fall eines Arztes, der seinen Patienten Halluzinogene gab. Einige Leute sind daran gestorben oder mussten ins Krankenhaus. Diese Art von Experimenten gibt es also weiterhin.

Agata: Was genau interessiert dich an der Arzt-Patient-Beziehung?

Videostill aus 'Anaesthetic' (Quelle: Arthur Patching)Arthur: Als Kind hatte ich eine Knochenkrankheit und wurde falsch behandelt.  Also ist da schon Misstrauen, das aus eigener Erfahrung herrührt. Es hat sich angefühlt, als wenn sie mich wie ein Meerschweinchen testen.

Bei dem Thema “Arzt und Patient” geht es um Macht. Das hab ich in vielen meiner Arbeiten erforscht: In einigen  überwätigt der Patient den Doktor und andersherum. Damit spiele ich. Und auch die Tatsache, dass wir keine andere Wahl haben, wenn wir unsere Körper den Profis anvertrauen.

Agata: Hast du Angst davor, zum Zahnarzt zu gehen?

Arthur: (lacht) Ja, aber nur weil es mich ein Vermögen kostet! (lacht) Immer, wenn ich zum Zahnarzt gehe, kostet das 100 bis 150 Pfund, also ungefähr 180 €. Aber mit den Zahnärzten stehe ich insgesamt nicht so schlecht. Mit Krankenhäusern ist das ein wenig anders.

Agata: Bist du als Künstler auch eine Art Arzt?

Arthur Patching (Foto: Sara Hussain)Arthur: Das bin ich irgendwie wirklich, weil ich in vielen der Filme die Rolle der „Unknown Menace“ spiele und dabei die Rolle des Arztes übernehme.

In „The Ressurectionists“ entdeckt  The Unknown Menace einen Körper am Straßenrand. Du siehst ihn, wie er den Körper untersucht, nach einem Organspenderausweis sucht und ihn nicht im Portmonee findet. Also füllt er einen aus und fälscht die Unterschrift des Typen und packt das Papier in die Brieftasche des Typen. Das hat fast schon was von “Gott spielen”.

Agata: Ich habe den Eindruck, dass in deinen Videos Berührung eine große Rolle spielt. In deinem Gemälde “Blue Nurse” von 2008 beugt sich eine Krankenschwester vor – würdest du mir zustimmen, dass deine Arbeit einen sexuellen Aspekt beinhaltet?

Arthur: Es spielt auf jeden Fall mit Sexualität. Für diese Arbeit habe ich Bilder in Berlin gemacht, bei denen ich mit Bandagen gearbeitet habe – das Kleid und die Haube der Krankenschwester sind vollkommen aus Bandagen. Und, wie du schon gesagt hast, ihre Körperhaltung ist sexuell anzüglich und der Titel bezieht sich auf diesen Aspekt. Es ist aber nicht die hauptsächliche Intention. (lacht)

Agata: Auf deiner Website zitierst du Frank Capras Worte: “The antidote to film is more film [...]” Capra hat Filme mit Heroin verglichen. Wie erklärst du dir das?

Arthur Patching (Foto: Sara Hussain)Arthur: Filme sind wie Drogen. Wir wollen immer mehr davon. Sie machen süchtig. Ich persönlich liebe Filme und finde sie sehr inspirierend. Ja, und das mit Frank Capra… Er machte einfach diese Filme und war davon wie berauscht. Ich liebe dieses Zitat. Ich könnte drei, vier Filme nacheinander sehen. Gott, ein echter Film-Freak! (lacht)

Was war der letzte Film, den du gesehen hast?

Arthur:  “Antichrist”, der neue Lars–von–Trier–Film (Trailer). Er hat mir sehr gefallen. Seine Filme sind sehr komprimiert und schmucklos.

Agata: Du hast bereits in New York und London ausgestellt. Wieso bist du am Ende nach Berlin gezogen?

Videostill aus 'Salvation' (Quelle: Arthur Patching)

Arthur: Ich hatte genug von London.  Es war sehr teuer und schwierig dort als Künstler zu leben.  Ich wollte auch immer nach Berlin gehen, weil ich viel Gutes über den Ort gehört habe. Berlin ist wie New York in den 1980ern. Hier passiert viel und du kannst hier sehr gut als Künstler leben. Und die Menschen sind hier auch viel angenehmer und freundlicher.  Für mich ist Berlin definitiv ein „place to be“.

Agata: Du hast an der Istanbul Biennale teilgenommen. Was war die überraschendste Erfahrung, die du dort gemacht hast?

Arthur Patching im Interview in der Gallery Untitled (Foto: Sara Hussain)Arthur:  Das war ein aufregender Ort.  Es gibt da eine großartige Kunstszene und für mich war es das das erste Mal, das ich da hingefahren bin. Die Videoart-Biennale dort war echt stark. Ich habe da auch eine Aufnahme gemacht, die ich jetzt bearbeite und die hoffentlich bald gezeigt werden kann.

Agata: Welche Künstler haben dich in deinem Schaffen beeinflusst?

Arthur: Francis Bacon, Stanley Spencer und auch viele Surrealisten. Ich habe auch Kunstgeschichte studiert, weshalb ich damit immer viel zu tun hatte. Aber in letzter Zeit gab es auch viele Videos: die von  Bill Viola, Tony Oursler und Gary Hill zum Beispiel.  Filme inspirieren mich auf jeden Fall. David Lynchs Arbeiten, David Cronenbergs…

Agata: Jeder Künstler hat seine Lieblingsdroge. Was ist deine?

Bunte PillenArthur: (lacht) (macht eine Denkpause) Ich schätze Filme, wie schon Frank Capra sagt. Das inspiriert mich. Ich habe auch normalerweise immer Filme im Hintergrund laufen, wenn ich arbeite.

Agata: Danke!

Arthur: Kein Problem. Ich danke dir.

Arthur Patchings Videoinstallationen sind noch bis zum 14. Oktober von Donnerstag bis Samstag von zwölf bis 18 Uhr in der Gallery Untitled, Friedrichstraße 114 zu sehen. Zwei der Videos werden im Schaufenster der Gallerie täglich von 19h bis 00h gezeigt. Der Eintritt ist frei, eine Voranmeldung erwünscht. Das Interview wurde gekürzt und aus dem Englischen übersetzt.

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