Bonobo im Interview


Bonobo Live 06.05.2010 / © Dani Doege

Nach vier Jahren Arbeit am neuen Album war Simon Green alias Bonobo Anfang Mai mal wieder in Berlin. Im Rahmen seiner Clubtour hat er am 6.5. in der Maria am Ostbahnhof „Black Sands“ präsentiert – ein Pflichttermin für unsere Redaktion. Wir haben die Gelegenheit gleich genutzt, um wunderbare Fotos von seinem Auftritt zu machen (siehe Galerie weiter unten) und uns mit Simon über sein neues Werk zu unterhalten – welche Farben es für ihn hat, warum es sexy ist und wie es für ihn ist, statt allein im Studio nun im Team auf der Bühne zu stehen.

Bonobo im Interview! (englisch)

Play

Bist du immer noch aufgeregt vor einem Auftritt wie heute?

Ja, sehr sogar! Ich habe lange nicht in Berlin gespielt. Ich lege zwar alle paar Monate hier auf, aber seit zwei Jahren haben wir nicht mehr live gespielt. Überhaupt habe ich erst ein einziges Konzert in Berlin gegeben – und das war sehr gut, deswegen habe ich mich auf den heutigen Termin sehr gefreut. Ich glaube sowieso, dass Berlin im Moment einer der aufregendsten Orte der Welt ist. Hier scheint irgendwie jeder zu wohnen, Bekannte von mir sind aus London hierher gezogen… für Künstler scheint das wohl der Ort überhaupt zu sein.

Sprechen wir mal über dein aktuelles Album „Black Sands“. Wo ist eigentlich dieser Ort auf dem Plattencover?

Das ist im Lake District, in Nordengland. Mir gefällt dieser Gedanke eines abgelegenen Ortes, an dem man Zeichen menschlichen Eingreifens findet – der Antennenmast zum Beispiel, oder Gebäude auf Berggipfeln, oder Bohrtürme, oder andere industrielle Strukturen. Solchen Plätzen haftet eine Art von Romantik an. Wir kannten den Ort auf dem Cover und haben eine Menge schöner Fotos davon gemacht.

Bonobo - Black Sands

Diese Antenne ist ja in der Tat ein Zeichen von Technik inmitten der Wildnis – inwiefern spiegelt das deine Musik wieder? Wie ist das Verhältnis zwischen Technik und Natur in deiner Musik?

Ich würde es so zusammenfassen, dass ich versuche, elektronische Musik mit nicht-elektronischen Mitteln zu machen. Die Technik ist dabei eher Mittel zum Zweck. Ich sehe mich selbst auch nicht unbedingt als Vertreter elektronischer Musik, da ich meine Musik eben auch nicht für rein elektronisch halte. Es ist eine besondere Form von Zusammenspiel.

Ja, es ist eine ziemlich organische Verbindung.

Das passiert allerdings nicht bewusst. Das liegt an der Art, wie ich die Musik schreibe und produziere.

Wie entsteht diese Dichte und Komplexität in deiner Musik? Manchmal fragt man sich, inwieweit das ein Produkt deiner Gefühle ist und inwieweit die Rationalität daran beteiligt ist.

Da spielt beides mit rein. Jeder hat ja einen anderen Zugang zu Musik, manche Leute suchen besonders die Gefühlsverbindung – aber um die zu erreichen, muss erstmal das, was in deinem Kopf ist, durch einen rationalen, technischen Prozess zu den Lautsprechern gelangen. Bei meiner Arbeit versuche ich über diesen Vorgang nicht allzu viel nachzudenken, sondern eher ein Gefühl für die Klänge zu entwickeln. Dieses Gefühl versuche ich auf die Musik als Gesamtheit zu beziehen, weniger auf die Technik, die dahinter steht.

Im Wesentlichen setze ich ja Töne zusammen. Wenn ich einen interessanten Sound gefunden habe, verbinde ich ihn mit einem anderen und stelle so einen neuen Kontext her. Manchmal muss man sich dabei wirklich in Selbstbeschränkung üben, denn ein einziger Sound kann die ganze Stimmung umschwenken lassen. Da muss man dann relativ häufig Entscheidungen treffen, ob es in die Richtung geht, die man möchte.

Ein Beispiel wäre „Kiara“, der zweite Track des Albums, vor den du die „Prelude“ gestellt hast. Der Sound aus der „Prelude“ verändert sich beim Übergang zum zweiten Track und wird dort zu etwas völlig anderem.

Wobei hier sogar der zweite Track zuerst kam! Ich hatte diese Streicher aufgenommen und wollte ausprobieren, wie es klingt, wenn man alles andere aus dem Track herausnimmt. Das Ergebnis war dann die „Prelude“. Bei diesem Track habe ich erst bemerkt, dass ich ihn geschrieben hatte, nachdem ich alles entfernt hatte und nur noch die Streicher und zwei Klavierakkorde übrig blieben, wodurch er zu etwas völlig anderem wurde. Das war ein experimenteller Prozess. Ich habe mir die „Kiara“-Strings isoliert angehört, etwas Klavier dazu gespielt und auf einmal hatte ich einen Song geschrieben, ohne es zu bemerken. Der war eigentlich immer schon da, bloß vergraben.

Noch eine Frage zum Albumcover, das ja in den Farben blau und grün gehalten ist. Ich finde diese Farben äußerst passend – wie ist das bei dir? Welche Farben würdest du deiner Musik zuordnen?

Das kommt darauf an, jeder Track hat seine Farbe. Es gibt ja dieses Phänomen namens Synästhesie, wo man Farben und Formen zu Klängen sieht. Jeder Sound oder Track hat eine andere Persönlichkeit für mich. Es gibt zum Beispiel ein Stück auf dem Album, das leuchtend pink ist. Und ein anderes hat die Farben Südamerikas, gelb, blau und grün.

Wenn man Online-Diskussionen über dich verfolgt, stößt man darauf, dass viele Leute eine Art von Sexiness, von erotischer Ausstrahlung in deiner Musik entdecken. Bist du dir dessen bewusst, machst du das irgendwie mit Absicht?

Naja, ich versuche es… manche Leute sagen, dass meine Musik sehr sinnlich sei. Vielleicht liegt das an den Harmonien, an den Akkordsprüngen oder einfach daran, wie ich die Tracks gestalte. Ich weiß nicht, eigentlich lege ich es nicht direkt darauf an.

Viele YouTube-Kommentare zu „Recurring“ beispielsweise gehen in diese Richtung. Ich kann das schon nachvollziehen, deswegen hatte ich mich gefragt, ob du das vielleicht gezielt machst.

Nein, eigentlich nicht! Zumindest nicht allzu sehr. Natürlich gefällt mir das, es ist ja eine gute Reaktion. Manche Musik macht die Menschen aggressiv – meine Musik macht die Menschen eben… sexy. Es gibt da einen alten Track aus meiner Anfangszeit, als ich zum Warm-Up in großen Clubs aufgelegt habe. Jedes Mal, wenn ich diesen Track gespielt habe, haben die Leute angefangen, miteinander rumzumachen. Diese seltsame Reaktion kam immer wieder. Ich habe es jetzt seit längerem nicht ausprobiert, aber ich hoffe, dass das immer noch klappt.

A propos spielen – reden wir über deine Show. Im Studio bist du ja eher ein Einzelgänger und machst quasi alles alleine. Für die Bühne musst du aber im Team arbeiten. Ist das schwierig für dich?

Nein, gar nicht. Beim Schreiben bin ich vielleicht alleine, aber nicht für Auftritte. Ich bin sogar sehr glücklich über die Situation. Mir macht zwar auch das Auflegen Spaß, aber wenn ich meine Musik live spielen will, kann ich ja nicht einfach kopfnickend vor einem Laptop stehen. Das würde auch dem Entstehungsprozess der Musik gar nicht gerecht werden. Die Tracks werden ja auf Instrumenten eingespielt, Aufnahmen von spielenden Leuten werden übereinander gelegt – also muss ich auch Leute mitbringen, wenn ich die Musik angemessen vorstellen will.

Allerdings ist es weniger eine Band im dem Sinne, dass man Kompromisse untereinander schließt. Es ist ja mein Projekt, und jeder weiß, was ich mache. Außerdem sind es alle sehr gute Musiker, die mit meiner Musik gut umgehen und ihr eine persönliche Note verleihen, wenn sie sie einmal einstudiert haben.

Du bist also mehr ein Regisseur, der seine Persönlichkeit auf sein Ensemble aufteilt.

So ungefähr. Ich vertraue ihnen, sie können ihren eigenen Stil mit einbringen.

Wie war es eigentlich für dich, sich für die Musik als Lebensunterhalt zu entscheiden? War das nicht ein schwieriger Schritt?

Das war keine Entscheidung, das ist einfach passiert. Ich war damals auf der Kunsthochschule, als ich meine ersten Aufnahmen gemacht habe. Ich habe gemalt und Filme gemacht und nie daran gedacht, professioneller Musiker zu werden. Wenn du versuchst, so zielgerichtet anzufangen, wirst du gar nichts erreichen, glaube ich. Das sollte eher zufällig passieren.

Dann hattest du aber großes Glück, dass du nie unsicher sein musstest, was du mit dir anfangen sollst.

Oh ja, so gesehen hatte ich Glück. Es hat aber eine Weile gedauert – ungefähr drei oder vier Jahre habe ich mich treiben lassen, bevor ich wirklich davon leben konnte. Ich bin auch nie zu selbstsicher bei dem, was ich tue, das halte ich für gefährlich. Man muss zwar von dem, was man macht, überzeugt sein – aber man muss sich auch ständig selbst infrage stellen und herausfordern, wenn man nicht in Trägheit verfallen, sondern sich weiterentwickeln will.

Leserbriefe

2 Leserbriefe für “Bonobo im Interview”
  1. Hallo,
    erstmal will ich sagen, das Album ist ziemlich Gelb und manchmal auch Rot.
    Das Konzert war noch besser als das letzte Konzert war. Einzige Kritik die bleibt, ein bischen kurz. Dennoch ein sagenhaft gutes Konzert.

    @ Simon. Please, don’t let us wait that long until we see you live again. Keep on.

    Posted by Christoph Hihn | Juni 4, 2010, 14:49
  2. Thank you, Simon.

    Posted by Christoph | August 15, 2010, 14:44

Leserbrief verfassen