Modeselektor, Gebrüder Teichmann und Jahcoozi im Kreativcamp Nairobi
Afrika ist in aller Munde. Spätestens seit der Fußball-WM weiß jeder: Der südliche Kontinent ist nicht nur als Heimstatt finsterer Diktatoren und Empfänger von Hilfslieferungen, sondern besitzt eine eigene musikalische Kultur, die innovative urbane Clubmusik mit regionalen Elementen verbindet. Spätestens seit Buraka Som Sistema und den Veröffentlichungen auf Diplos Label Mad Decent sind diese musikalischen Bastarde auch in europäischen Clubs schwer angesagt. Andi Teichmann war im Rahmen des BLNRB/NRBLN-Projektes zusammen mit anderen Berliner Musikern in Nairobi, der Hauptstadt Kenias, einer wuchernden Metropole von drei Millionen Einwohnern. Für BLN.FM hat er seine ganz persönlichen Eindrücke aufgeschrieben.
Dreieinhalb Wochen Nairobi liegen hinter uns. Mit dabei: Sasha und Oren von Jahcoozi, Gernot und Szari von Modeselektor, mein Bruder Hannes und ich – die Gebrüder Teichmann. Außerdem Christian, der das Projekt mit der Kamera begleitete, und später noch Florian vom Groove-Magazin und Sashas Freund Gerriet.

Aus einem Gespräch mit Johannes Hossfeld, Leiter des Goethe-Instituts in Nairobi, wurde 2010 das ganzjährige Projekt BLNRB / NRBLN. Die Kürzel stehen für Nairobi und Berlin und für eine musikalische Zusammenarbeit der beiden Städte. Die Idee: Elektronische Musiker aus Berlin arbeiten mit kenianischen Musikern an gemeinsamen Stücken und treten gemeinsam auf. Zunächst in Nairobi und im Gegenzug dann Ende des Jahres in Berlin.
An der Idee gefiel mir sofort, dass eigentlich gemeinsame musikalische Bezugspunkte fehlten. Die kenianischen Künstler sind musikalisch von Dancehall, Reggae, Benge oder HipHop geprägt. Sie sind mit Künstlern aufgewachsen, von denen wir noch nie gehört haben. Umgekehrt sind ihnen selbst Bands wie Sonic Youth oder DJs wie Jeff Mills unbekannt. Überall, wo ich davor hingekommen bin, gab es gemeinsame Nenner. Ob man in Japan oder Südamerika ist, die Szenen sind zumindest verbunden und ein Informationsaustausch ist möglich, was Bands, DJs und Labels angeht. Hier ist das nicht so. Stattdessen gibt es reichlich Klischees und Vorurteile, was die andere Kultur angeht. Von beiden Seiten.
Schlaflose produktive Aufnahmewochen im Madhouse
Es ist also rundum ein Experiment. Zum Auftakt von BLNRB flogen wir im Herbst 2009 mit Jahcoozi nach Nairobi, hatten einen ersten gemeinsamen Auftritt mit einigen der kenianischen Bands, mit denen wir jetzt arbeiteten und nahmen erste Tracks auf. Zunächst noch in einem herkömmlichen Tonstudio. Für 2010 hatten wir aus praktischen und aus Kostengründen die Idee, ein Projektstudio in einem eigens für uns angemieteten Haus einzurichten, in dem wir auch wohnen wollten. Die nötige Technik brachten wir dank Audio Technica, Steinberg, Ableton und Just Music aus Berlin mit. Wir richteten uns ein und arbeiteten frei von Staus und der tickenden Kostenuhr eines kommerziellen Studios.

Unsere musikalischen Partner aus Nairobi sind höchst interessante, sehr unterschiedliche Musiker. Da ist das HipHop-Dancehall-Kollektiv Ukoo Flani, die eine wichtige Pionierrolle in der kenianischen HipHop-Kultur spielen. Sie singen neben Englisch und Swaheli auch in Sheng, einer Sprache, die die fünf wichtigsten Stammessprachen und Englisch vermischt. Der Gebrauch dieser gemeinsamen Sprache ist ein gesellschaftliches und politisches Zeichen in einem Land, in dem die Stammeszugehörigkeit nach wie vor die Gesellschaft spaltet.

Außerdem zu Gast: die MCs Abbas, Lon Jon, Kimya oder das Duo Necessary Noise, der blinde Gitarrist und Sänger Michele Ongaru, die Perkussiontruppe Radi Cultura oder das Elektropop-Trio Just A Band, die während unserer Studioaufnahmen durch das Video zu ihrem Stück “Makmende” zum großen Hype wurden. Der Name des Songs bezieht sich auf einen schwarzen Superheld – den ersten schwarzen Superhelden Afrikas wohlgemerkt. Just a Band haben ihn geschaffen und ihm Lied und Video gewidmet.
Diese drei Wochen gemeinsam in diesem Haus waren eine produktive und sehr intensive Erfahrung für alle. Es wurden fast rund um die Uhr neue Ideen entworfen, Gastmusiker aufgenommen und experimentiert. Wir waren begeistert von den grandiosen Stimmen und der Direktheit der kenianischen Musiker, sie waren wohl etwas irritiert von unserer Detailversessenheit und bisweilen von unserer Unlockerheit. Zeitweise haben wir mehrere Tage lang das Haus gar nicht verlassen. Ohne Jessica, die das Goethe-Institut als Köchin engagiert hatte, und unseren Fahrer Hassani wären wir wohl verhungert!
Arg zugesetzt haben uns Deutschen die fehlenden Rückzugsmöglichkeiten. Wir arbeiteten und wohnten in dem Haus, das bald „Madhouse“ getauft wurde. Teilweise wurde in den Schlafzimmern aufgenommen und Schlafen war erst nach der Arbeit möglich. Manchmal waren sechs Leute extra im Wohnzimmer einquartiert – und so gab es keine Sekunde, um mal abzuschalten. Aber das ist kein Vergleich zu unseren kenianischen Gästen: Wir erfuhren später, dass viele Musiker nicht einmal einen festen Wohnsitz haben! Dass jeder in Kenia ihre Songs kennt, heißt gar nichts: Geld haben sie trotzdem keins. Da fühlten wir uns im Nachhinein wie verwöhnte Schnösel.
Public Viewing in Afrika – SlumTV

Gemeinsam mit Jahcoozi sind wir zu einer öffentlichen Vorführung von SlumTV nach Mathare gefahren. Kunstaktivst Alexander Nicolic und der kenianische Künstler Sam Hopkins hatten 2007 die Idee zu dem Projekt. Mit minimalen technischen Mitteln stellen Menschen aus Mathare ein authentisches Bild ihres Lebens dar: Frauenfußball, Haustierhaltung im Slum, es gibt auch Soaps, die im Viertel spielen, aber ebenso werden die Gewaltausbrüche nach den Wahlen 2007 thematisiert, die das Land nachhaltig traumatisierten. Auf dem Programm standen der zweite Teil der Soap “Mathare Highway” und ein Beitrag über Opfer der Ausschreitungen nach den Wahlen. Dabei wurde auch ein ehemaliger DJ porträtiert. Er ist ein Kikuyu, gehört dem Stamm an, gegen den sich nach den Wahlen Betrugsvorwürfe und die Gewalt richtete. Als er einer Frau zu Hilfe kommen wollte, die von eine Gruppe von Männern vergewaltigt wurde, hackte ihm einer der Täter den Arm mit einer Manchete ab. DJ ist er nun nicht mehr. Da läuft es einem kalt den Rücken runter.
Man kann es als Bestätigung der europäische Stereotypen von Afrikanern als blutrünstigem Mob mit hungernden Kindern sehen. Doch das ist falsch. Die Leute hier sind weder doof, noch unfähig, selbstbestimmt zu leben. Im Gegenteil, hier finden sich die interessantesten Menschen, teilweise mit einer Allgemeinbildung, die sich die Pisastudie für Bayern wünschen würde. Und das, obwohl sich Schulbildung hier meist auf die Grundschule beschränkt, weil nur diese in Kenia kostenfrei ist. Wer nicht untergehen möchte, ist auf sich selbst gestellt, und es gibt die unterschiedlichsten Wege, mit dieser Situation umzugehen.
Die Gesellschaft teilt sich in zwei Hälften: Der eine Teil lebt in den Slums und der andere Teil in Gated Communities, bewachten Stadtteilen hinter Stacheldraht. Die Menschen aus den Slums wiederum arbeiten als Sicherheitsleute und Haushälter bei den anderen. Zwischen beiden Extremen gibt es nicht viel. Grundlage vieler Konflikte ist keineswegs eine andere Mentalität, sondern das Erbe des Kolonialismus.
20m² Kunst im Slum Kibera
Eine weitere Station war das Massai Mbilli Art Center im Slum Kibera, das “Gettho Art Center” des gleichnamigen Kollektivs, welches seit 10 Jahren aktiv ist. Die zweistöckige Hütte, die insgesamt nicht mehr als 20m² Fläche hat, fungiert als Atelier und Treffpunkt der zehn Künstler. Neben ihren eigenen Arbeiten, die bald auch in Deutschland als Teil der Afropolis-Ausstellung in Köln zu sehen sein werden, bietet die Gruppe Kunstunterricht für Kinder. Internationale Aufmerksamkeit hat das Kollektiv durch die Streetart-Aktionen ihres Künstlers Solo7 erreicht, der während der gewalttätigen Unruhen unermüdlich seine Friedensbotschaften an Kiberas Wänden verbreitete.

Die Massai Mbillis hab ich seit meinem ersten Besuch ins Herz geschlossen. Sie sind beide Male zu meinen Auftritten ins Zentrum Nairobis gekommen, obwohl das für sie ein zeitintensives Unterfangen ist. Schon beim ersten Mal hatte ich mit Gomba, einem der Gründer, halb im Ernst besprochen, daß wir nächstes Mal auch eine Party bei ihnen machen. Was für eine utopische Idee in einer Hütte mit 20qm, die voller Bilder und Staffeleien ist! Dennoch – wir wollten diese Party machen, und so hat Gomba einen geeigneten Ort gesucht und nach einigen Tagen auch gefunden: auf dem Platz vor der orthodoxen Kirche Kiberas. Der Pfarrer wollte umgerechnet 40,- € Miete, dann könnten wir loslegen, hieß es. Einen Generator hatten wir uns wegen der regelmäßigen Stromausfälle sowieso für unser Haus besorgt. Bus und Anlage kamen vom Goethe-Institut. Keiner wusste, ob es funktioniert und ob die Leute es mögen würden.

Wegen der Technik und aus Angst, dass nachts die Stimmung auch agressiv umschlagen könnte, wurde uns empfohlen, die Party tagsüber zu machen. Gegen 14 Uhr waren wir mit dem Aufbauen fertig. Abbas, LJ, Kimya und Ritchie Ritch von Ukoo Flani fingen an. Langsam versammelten sich Leute und es wurden immer mehr – vor allem Kinder. Als Jahcoozi dann ihr Konzert gabne, waren es bestimmt schon 100 Kinder zwischen 3 und 10 Jahren, die mittanzten und rumtobten. Zwischen Jahcoozi und unserem DJ-Set gab es dann für uns alle überraschend einen Höhepunkt. Abbas fragte, ob es Rapper gibt, die freestylen wollen, und es meldeten sich zwei Jungs: Little King und Robo, 8 und 12 Jahre alt. Die zwei sind Teil der christlichen Rapcombo The Gospel Warriors. Sie waren beide unglaublich gut und so schnell, dass auch unseren MCs die Spucke wegblieb. Da haben wir sie direkt am nächsten Tag ins Studio eingeladen.

Die Party in Kibera war mit die schönste Erfahrung in meiner bisherigen DJ-Laufbahn. Zum Ausklang gingen wir mit allen in eine anliegende Bar ums Eck. Alleine hätten wir das sicher nicht gewagt. Ich hatte Tränen in den Augen, als wir nach Hause fuhren.
Nach und nach wurde unsere Gruppe kleiner, und ich wollte mich als letzter auf den Weg zurück nach Berlin machen. Doch spie der Vulkan Eyjafjallajökull eine Aschewolke, alle Flüge nach Europa waren eingestellt und ich bekam einige extra Tage in Nairobi geschenkt. Ich konnte nochmal mit Sam Hopkins nach Kibera fahren, wo er eine Dokumentation über Haustiere in dem Armutsviertel für Slum TV drehte. Dieser Einblick führte nochmal um einiges tiefer in die Lebensverhältnisse. Enten, Hunde, Katzen, Brieftauben, Hühner, Kaninchen, haustiermäßig war hier allerhand geboten. Ich hab die Massai Mbillis besucht und auch Robo und Little King wiedergetroffen, bin privat zum Tee in die Hütte einer unserer Partygäste eingeladen worden. Alle wollten einmal echten Schnee sehen und keiner wollte glauben, dass es in Deutschland keine Slums gibt. Naja, es gibt schon sowas wie Ghettos, berichtigte ich – nur dass die in Deutschland in die Höhe gebaut werden und nicht so sehr in die Fläche, wie hier. Allerdings gibt es auch da fließendes Wasser, Strom, Klos und meistens einen Fernseher.
Als der Anruf der Fluggesellschaft kam, zog es mich gar nicht mehr so recht nach Hause. Zurück in Berlin wartet nun eine Menge Arbeit auf uns: Die Aufnahmen auszusortieren, fertig zu produzieren und zu mischen. Außerdem hatte ich jetzt im Nachhinein erst die Gelegenheit, über unsere Erfahrungen nachzudenken. Vieles war super, einiges hätte man noch besser machen können. Vielen Musikern ist man erst am Ende der Aufnahmen persönlich und musikalisch so nahe gekommen. Dennoch: Wir haben mit wahnsinnig tollen Leuten Musik gemacht und es nach und nach auch geschafft, unsere eigenen musikalischen Scheuklappen und Vorurteile fallen zu lassen. Das resultierende Album wird super werden – und hoffentlich sowohl für europäische als auch für afrikanische Hörer überraschend. Und es wird ja auch eine Rückrunde geben: Im November 2010 kommen die Kenianer nach Berlin!
(Text /Bilder, wenn nicht anders angegeben: Andi Teichmann)



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