Keine Men­schen, keine Hoffnung

Nachtasyl. Foto: Claudia Charlotte Burchard

„Das sind doch keine Men­schen. Das ist Dreck!“, flucht der Hand­wer­ker Klesc, wenn er gerade keine Bewer­bun­gen schreibt oder seine krebs­kranke Frau Anna schlägt. „Ich muss hier raus“, schreit er immer wie­der. Doch er wird nie raus­kom­men. Klesc gehört zu denen, die von der Gesell­schaft aus­sor­tiert wur­den und nun in einem gemie­te­ten Zim­mer – dem „Nacht­asyl“ – vor sich hindar­ben. Unter sei­nen Mit­be­woh­nern: eine Pro­sti­tu­ierte, die von Pretty Woman träumt, ein alko­hol­ab­hän­gi­ger Schau­spie­ler, ein der Wirt­schafts­krise zum Opfer gefal­le­ner Invest­ment­ban­ker und ein ver­lieb­ter Kleinkrimineller.

Doch dann kommt Luka, ein Wan­de­rer vol­ler Mit­leid und guter Rat­schläge, der sich um Anna küm­mert und den Schau­spie­ler über­re­det, in eine Ent­zugs­kli­nik zu gehen. Ende gut, alles gut? Ganz im Gegen­teil! Schließ­lich sind wir hier ja nicht im Thea­ter – son­dern in einem Thea­ter über Thea­ter, in dem der alko­hol­ab­hän­gige Schau­spie­ler sei­nen Lieblings-Shakespearemonolog ver­ges­sen hat und die Pro­sti­tu­ierte nie ihren Traum­mann fin­den wird. Zwar sind Lukas’ Rat­schläge gut gemeint, aber Per­spek­tiv­lo­sen kann man keine Per­spek­ti­ven ein­re­den. Schließ­lich zieht auch Luka wei­ter. Seine Hin­ter­las­sen­schaft: ein Mord, ein Selbst­mord und zer­störte Hoff­nun­gen. Die Morde wer­den nur gespro­chen, man sieht sie nicht. Die wahre Bru­ta­li­tät in „Nacht­asyl“ liegt nicht in den Taten, son­dern im Dauerzustand.

Nachtasyl. Foto: Claudia Charlotte BurchardNicht nur die Cha­rak­tere aus „Nacht­asyl“ sind unglück­lich, auch die Schau­spie­ler, gespielt von Schü­lern der Hoch­schule für Schau­spiel­kunst „Ernst Busch“, schimp­fen über die Unge­rech­tig­keit des Lebens und man­gelnde Berufs­per­spek­ti­ven. Figu­ren und Dar­stel­ler füh­len sich nutz­los: ein dop­pel­tes Nacht­asyl also. Zu viel des Selbst­be­zugs oder die ein­zige Mög­lich­keit, Per­spek­tiv­lo­sig­keit glaub­haft zu ver­mit­teln? Abge­se­hen von gespiel­ten Ängs­ten haben die Schau­spie­ler ihre eige­nen in das Stück mit ein­ge­bracht. Luxus­ängste, ver­gli­chen mit denen einer Krebs­kran­ken, die täg­lich von ihrem Mann ver­prü­gelt wird. Doch gerade diese Luxus­ängste machen die Insze­nie­rung – wenn auch weni­ger dra­ma­tisch – authen­tisch und aktuell.

Nacht­asyl: Nächste Vor­füh­run­gen am 21–23.03.2011, jeweils um 20.30 Uhr

Schau­bühne am Leh­ni­ner Platz, Kur­fürs­ten­damm 153, Berlin-Charlottenburg, U-Bahn: Ade­nauer Platz, S-Bahn: Char­lot­ten­burg, Halensee

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