Willenlos versklavt

Szene aus Hilda. Foto: Petri Kovalainen

Eine große, runde Öffnung, vor die sich nach jeder Szene messerartige Stäbe schieben: Durch diese Öffnung blickt der Zuschauer in die psychopatischen Abgründe einer scheintoleranten Mittelschicht. In dieser Öffnung sitzt Mrs Lemarchard, affektiert, mit Perlenkette, künstlichen Blumen und einem zerstörerischen Anliegen: Sie will Hilda. Angeblich für Haus und Kinder, doch in Wirklichkeit, um sie zu dominieren, um jemanden zu haben, der sie liebt und von dem sie geliebt wird.

Ihre Kontrolle über das Dienstmädchen nimmt immer mehr zu; jede Szene ist ein Kampf zwischen Hildas Mann Frank und Mrs Lemarchard – zuerst darum, wie lange Hilda arbeitet, dann darüber, ob Frank sie überhaupt noch sehen darf. Die so umkämpfte Hilda und eigentliche Hauptperson des Stückes taucht nie auf. Sie hat keine Meinung, keinen Willen, keine Stimme und alles, was sie ausmacht, wird nach und nach von Mrs Lemarchard aufgesogen. Basierend auf dem gleichnamigen ersten Theaterstück der Französin Marie NDiaye inszeniert eine finnische Theatergruppe unter der Leitung Cilla Backs das Drama und zeigt es nun an der Berliner Schaubühne. Die Aufführungen sind auf Finnisch mit deutschen Untertiteln.

Hilda. Foto: Petri KovalainenNicht nur das Bühnenbild, sondern besonders das Licht und die zuweilen fast mechanischen Bewegungen der Charakter versetzen das Stück in eine künstliche und unmenschliche Atmosphäre. Mit zunehmender Dramatik häufen sich angedeutete Sex- und Nacktszenen. Mrs Lemarchard kniet auf dem Boden und beißt in eine Nylonstrumpfhose, Frank schläft mit Hildas Schwester Corinne. Dadurch wechseln sich nicht immer nachvollziehbare Szenen mit sich zuweilen wiederholenden Ausführungen über Hildas Wert und Mrs Lemarchards Moralvorstellungen ab. Das vermittelt zwar das Gefühl einer ausweglosen und sich zuspitzenden Situation, sorgt aber auch dafür, dass sich das Stück etwas in die Länge zieht. Nach jeder Szene schleichen sich mehr oder weniger heimlich Zuschauer hinaus. “Hilda” vermittelt ein Gefühl der Beklemmung – wahrscheinlich auch, weil das Stück anstrengend ist und man die Botschaft eigentlich von Beginn an versteht.

Hilda: Nächste Vorstellungen am 10./11.03.2011, jeweils um 21.00 Uhr

Schaubühne am Lehniner Platz, Kurfürstendamm 153, Berlin-Charlottenburg, U-Bahn: Adenauer Platz, S-Bahn: Charlottenburg, Halensee

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>