Sex, Drugs & Larry Clark

Larry Clark im C/O. Foto: Larry Clark . Luhring Augustine, New York . Simon Lee Gallery, London

Jugend, Sex, Dro­gen… Fotos von Larry Clark, der­zeit im C/O Ber­lin aus­ge­stellt, sind so expli­zit, dass alle unter 18-jährige „nur in Beglei­tung” von Erwach­se­nen in die Aus­stel­lung kön­nen. Die C/O-Webseite zur Aus­stel­lung warnt,  dass “Teile der Aus­stel­lung gegen mora­li­sches Emp­fin­den ver­sto­ßen könn­ten”. Mit dem Auf­ruf zur Vor­sicht sichern sich Kura­to­ren nicht nur ab, son­dern sie streuen gleich­zei­tig ein Lock­mit­tel für die Aus­stel­lung. Denn das Ver­bo­tene ist das Reiz­volle, das durch den für­sorg­li­chen Hin­weis an Erzie­hungs­be­rech­tigte noch­mals als pro­vo­kan­ter Auf­hän­ger her­aus­ge­stellt wird.

Einem grö­ße­ren Publi­kum dürfte Larry Clark als Film­re­gis­seur bekannt sein, der mit „Kids” oder „Ken Park” für Dis­kus­sio­nen sorgte. Die Filme zei­gen Min­der­jäh­rige in ihrem All­tag. Und der besteht bei Larry Clark vor allem aus Rum­hän­gen, Sex und dem Kon­sum har­ter Dro­gen. Das zei­gen die meis­ten Bil­der in der Aus­stel­lung der C/O-Gallerie. Die Kamera spart nichts aus, hält immer drauf. An den Fotos wirkt nichts gestellt, sie schei­nen eher spon­tane Schnapp­schüsse zu sein, ehr­lich und direkt bis zur Schmerz­grenze. Einige Fotos wir­ken mor­bide und ver­stö­ren: Eine Schwan­gere setzt sich die Nadel, ein totes Baby liegt im Sarg. Das sind aber Aus­nah­men. Larry Clarks Blick inter­es­siert sich mehr für das, was Medien gern als „Exzess” bezeich­nen und andere als jugend­li­ches „Aus­le­ben” verniedlichen.Larry Clark im C/O. Foto: Larry Clark . Luhring Augustine, New York . Simon Lee Gallery, London

Die im Ver­lauf von 30 Jah­ren ent­stan­de­nen Serien zei­gen dabei, wie sich Jugend, ihr Selbst­ver­ständ­nis und der Umgang mit der eige­nen Kör­per­lich­keit auf­fal­lend gewan­delt haben. In der in den 1970ern enstan­de­nen Serie „Tulsa“ wie auch der zehn Jahre spä­ter gestar­te­ten Serie „Teen­age Lust“ stö­ren sich die Prot­ago­nis­ten genau­so­we­nig an ihrem Nackt­sein wie daran, Sex kalt und gefühl­los zur Schau zu stel­len. Dro­gen­kon­sum erscheint wie eine gleich­gül­tige Neben­säch­lich­keit. Die ent­ste­hende Ver­stö­rung wird durch das im Haus­flur gezeig­ten Video noch ver­stärkt.  Zu sehen ist, wie sich ein jun­ger Mann einen Schuss setzt. zwei Frauen neben ihn unter­hal­ten sich völ­lig unbe­tei­ligt dazu. Dro­gen­kon­sum ist Teil eines belang­lo­sen All­tags. T.C. Boyle hat in sei­nem Roman „Drop City“ ein ent­mys­ti­fi­zier­tes Bild der Hip­pie­ge­ne­ra­tion fest­ge­hal­ten, Larry Clarks Fotos sind das visu­elle Pen­dant dazu.

Jahre spä­ter ent­stan­den sind die Bil­der der „Los Angeles“-Serie rund um den Teen­ager Jona­than Velas­quez. Bis auf sei­nen nack­ten Ober­kör­per und eine kleine Akt-Bilderserie gibt es wenig nackte Haut. In einem der vier Fotos steht Jona­thans Gang mit dem Rücken zum Betrach­ter an einem Zaun und zeigt die nack­ten Hin­tern. Die ver­meint­li­che Pro­vo­ka­tion zeugt im Ver­gleich zu der Frei­zü­gig­keit der Vor­gän­ger­ge­ne­ra­tio­nen viel mehr von einer gewis­sen Scham. Harte Dro­gen feh­len hier, auch Sex gibt es nicht zu sehen. Doku­men­tiert die Serie, dass die Teen­ager bra­ver gewor­den sind? Oder hat Larry Clark mit dem Alter und dem Ende der eige­nen Dro­gen­kar­riere den Zugang zur Szene verloren?

Clarks Bil­der wir­ken nie voy­eu­ris­tisch, auch wenn sie intim ein­la­dend sind. Der Betrach­ter wird Teil der Szene, die ein Teil einer Geschichte ist. Dabei sieht er sich mit sei­ner Hippie-Elterngeneration kon­fron­tiert oder sieht die eigene Jugend­zeit wider­ge­spie­gelt. Oder er blickt ver­stört in eine Welt, die er erahnt, viel­leicht auch roman­ti­siert hat, die letzt­end­lich alles andere als schön, dafür umso rea­ler und letzt­end­lich mensch­lich ist.

Im zwei­ten Stock der Aus­stel­lung sind Col­la­gen Clarks zu sehen. In ihnen spie­gelt sich wie auf Wän­den von Jugend­zim­mern Bio­gra­phien: da kle­ben neben– und überein­an­der Ein­tritts­kar­ten von besuch­ten Kon­zer­ten, Zei­tungs­aus­schnitte, selbst gemalte Bild­chen, Noti­zen, Post­kar­ten und Briefe. Die Col­la­gen berich­ten vom Leben an den unte­ren Rän­dern der Gesell­schaft, Tabu­bruch, sozia­lem Abstieg und Außen­sei­ter­sein. Unan­ge­nehm ver­traut wir­ken diese Wände, weil sie die Unwäg­bar­kei­ten des Lebens, die stän­dige Mög­lich­keit zu Schei­tern, näher brin­gen als die Serien schwarz-weißen Bil­der im Erdgeschoss.

(Text: Ima Joh­nen und Georg Fischer)

Wir ver­lo­sen 2×2 für „Larry Clark” im C/O Postfuhramt!

Kli­cke hier, um mit „CLARKSEN”  als Kenn­wort an der Ver­lo­sung teil­zu­neh­men. Ein­sen­de­schluss ist 14. 7.2012.

„Larry Clark” — noch bis zum 12. August im C/O Ber­lin im alten Post­fuhr­amt, Ora­ni­en­bur­ger Str. 35/36, Berlin-Mitte. S-Bahn Ora­ni­en­bur­ger Straße. Täg­lich geöff­net von 11 bis 20 Uhr; Ein­tritt 10 Euro, ermä­ßigt 5 Euro.

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