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Ekoplekz – Dromvilly Vale

Ekoplekz - Dromvilly Vale EP - CoverZeitgeist goes Geisterzeit. Adäquat zum dunklen Strom an Nachrichten aus der gesellschaftlichen Realität lässt Ekoplekz, unser hyperkreativer Mann für Verstörsounds aus Bristol, einen finster glimmenden Lava-Fluss an Releases aus dem Soundsouterrain fließen. Er sorgt für ein konstant hohes Level an angenehmer Anti-Easyness, gekennzeichnet zudem durch eine gesteigerte Nachfrage – sind doch alle Tonträger mittlerweile kaum noch oder gar nicht mehr erhältlich. Wobei eine strenge Limitierung ihr Übriges zur Sammleraufgeregtheit tut. Nach Kassetten im Eigen(nicht)vertrieb seiner “Ferric Series” – darunter eine schöne Kooperation mit dem Ex-Bristoler Bass Clef und diversen Vinyl-Formaten bei verschiedenen Labels wie Mordant Music und Perc Trax – kommt nun als jüngste Klangattacke beim erst Ende 2011 gegründeten Label Public Information die “Dromvilly Vale”-EP heraus. Natürlich auch wieder in begrenzter Stückzahl. Und schnelles Zugreifen lohnt sich, wie bei allen Ekoplekz-Produktionen der zwei letzten Jahre. Der industrialeske Verzerrungsgrad ist bewährt grandios, die psychedelischen Geräuschwälle sind turmhoch, die Hallräume gespenstisch weit. Delays fliegen in dunkle Einsamkeit, darunter kriechen ab und an depressive Minimalmelodiefetzen aus den schwarzen Soundlöchern eines Gegenuniversums, um am Rande der Wahrnehmung durch das klaustrophobische Krachtal zu schleichen. Mit dem vergleichsweise energetischen “Jugglin’ fer Jesus” ist in der Betitelung ein Verweis auf Cabaret Voltaire eingebaut, konkret deren Anti-Hit “Sluggin Fer Jesus”: Ein Stück der Sheffielder Spät-Dadaisten, welches als ein Höhepunkt ihrer Frühphase gelten darf. Für Ekoplekz stellt das in all seiner Eigenheit einen allzu offensichtlichen historischen Bezugspunkt dar – ein Beziehungsbogen, der sich zudem letztens mit dem Remix eines Ekoplekz-Stücks durch Cabaret Voltaire-Mitgründer Richard H. Kirk geschlossen hat. Insofern findet sich hier also alles in der besten Hardcore-Kontinuität eines dystopischen Gegen-Dub, mit dem es sich frohen Mutes durch den kontemporären Katastrophismus segeln lässt, immer schön den Styx hinunter gleitend.

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Tracklist:

  1. Dick Mills Blues
  2. Dromilly Vale
  3. Neutronik
  4. Jugglin’ Fer Jesus
  5. Clayton Freak
(Public Information)
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Von Alexander Pehlemann

MärzMusik 2012: Tomomi Adachi im Haus der Berliner Festspiele

So
18/3
22:00
 

MärzMusik 2012: Tomomi Adachi im Haus der Berliner Festspiele


mit Tomomi Adachi (Performance/Elektronik), Joke Lanz (Turntables), Seth Josel (Gitarre) und Werken von Tomomi Adachi, John Cage und Hugo Ball

“Ich verstehe nicht, warum Menschen Angst vor neuen Ideen haben. Ich habe Angst vor den alten.”

Diese Worte von John Cage, der mit seinem 100. Geburtstag und 20. Todestag gemeinsam mit Wolfgang Rihm der Jubilar des diesjährigen Festivals für aktuelle Musik - MärzMusik 2012 - ist, könnten gewissermaßen als Axiom desselbigen verstanden werden: Im Zentrum steht die musikalische Innovation und Progression, aktuelle Strömungen der Musik und Antimusik – ein insbesondere von Joseph Beuys und später Nam June Paik geprägter Begriff, der den Zusammenhang von Musik und Ton aufhebt, sodass bespielsweise selbst die Zertrümmerung eines Klaviers auf der Bühne als Konzert deklariert wird. Was Musik ist oder nicht ist, was sie kann und nicht kann – solch’ existenzielle Diskurse sind nicht neu. Sie gibt es schon seit Beginn der Entwicklung von Tonsystemen und erfuhren in einem markanten Paradigmenwechsel um die Jahrhundertwende einen Höhepunkt. John Cage, der durchaus als eine Schlüsselfigur dieser Entwicklung gesehen werden kann, befreite die Musik als Disziplin letzlich gänzlich vom Ton und reizte ihre Sinnstrukturen bis aufs Äußerste aus.

In den Sonic Arts Lounges im Berghain und im Haus der Berliner Festspiele präsentieren eben solche Vertreter einer post-cageanischen Strömung ihr Verständnis von Musik. Tomomi Adachi ist einer dieser jungen Vertreter. Der Japaner und studierte Philosoph bewegt sich ähnlich wie Cage in vielen künstlerischen Feldern und verknüpft diese zu einer Einheit und neuen Identität von Tonkunst. Seine radikal experimentelle Musik verschmilzt so mit Nuancen von Performance, Poesie, Theater, Visuelle Kunst und Community Art. Aktuell arbeitet Adachi mit selbst entwickelten und gebauten Sensor-Instrumenten aus Tupperware, Hemden oder auch mal Saisongemüse, die er je nach Lust und Laune auf Konzerten verkauft. Viele seiner Werke entstehen als Happenings; so auch sein brachiales “Stück für Klavier und Infrarot-Sensor-Shirt” (siehe Video), das an einigen Stellen nicht direkt eine Wohltat für die Ohren ist, sich aber zweifelsohne stets innovativ und künstlerisch relevant präsentiert.

Am 18. März wird Tomomi Adachi auf die Bühne des Hauses der Berliner Festspiele springen, um John Cage‘s Vokalstück “Sixty-two Mesostics re Merce Cunningham” aufzuführen und das Lautgedicht “Gadji Beri Bimba” des Dadaisten Hugo Ball zu lesen. Darüber hinaus wird er eigene Stücke aufführen, u.a. eine Solo-Improvisationsreihe mit genannten Sensorinstrumenten. Neuere Werke wie “Why You Scratch Me, Not Slap?” für Gitarre mit Videoprojektion zeigen, dass Adachi alles andere als einen akademischen Zugang zur Musik pflegt. Es geht ihm vielmehr darum, das teilweise schwer zugängliche Selbstbild aktueller Musikströmungen auf humorvolle Weise zu veranschaulichen. Gleichzeitig ist sein Schaffen selbst jedoch alles andere als zugänglich. Der Besucher sollte also keine leichte Abendunterhaltung erwarten, dafür aber durchaus die eine oder andere audiovisuelle Verblüffung.

Haus der Berliner FestspieleSchaperstraße 24, Berlin-Charlottenburg, U-Bahn: Spichernstraße. 12 Euro (VVK)

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Von Poyraz Hannutoglu

120 Days – 120 Days II

Vor gut fünf Jahren erschien das selbstbetitelte und sehr gelobte Debüt der Norweger 120 Days.  Nach einer ausgedehnten Tour und anschließender Auszeit melden sie sich nun mit dem simpel betitelten Nachfolgealbum “120 Days II” zurück. Ausgestattet mit Synthesizern, einem Bass und einer Gitarre präsentieren die vier Jugendfreude Ådne Meisfjord, Arne Kvalvik, Jonas Dahl und Kjetil Ovesen erneut eine Platte, die versucht, Rock und Electro zu vereinen – und das mit Erfolg. Die neun Track des Albums schaffen es, mit einer Symbiose der beiden Stilrichtungen zu überzeugen. Genau wie bei den Österreichern von Elektro Guzzi, die mit der typischen Rockbandbesetzung und versiertem Einsatz von Loops sehr guten Techno produzieren, stimmt auch bei 120 Days das Verhältnis zwischen der Energie “richtiger” Instrumente und den Finessen des digitalen Equipments.

Der Opener “Spacedoubt” erinnert durch seine rockige Grundhaltung und die markanten, langgezogenen Gesangsparts  besonders in der zweiten Hälfte stark an die dänischen Kollegen von VETO. Das fast zehnminütige “Dahle Disco” baut sich langsam auf, prescht dann mit einem beständig hohem Tempo auf und davon und entpuppt sich damit als clubtauglicher, fast schon technoider Floorfiller.

Auch ein Schuss Ambient fehlt nicht: “Lucid Dreams Part 1″ schwebt fast schwerelos vor sich hin, um dann fließend in das treibende, mit 80er-Charme versehene “Ludic Dreams Part 2″ überzugehen. Der folgende dritte Part ist dann wieder vollends vom Rock geprägt, ansatzweise kann man sogar von Einflüssen aus dem Industrial sprechen. Generell lässt sich aber – wie so oft – der Sound der 1980er als Hauptinspirationsquelle und Referenzobjekt nicht übersehen. “Osaka” mutet wie eine gewagte Mischung aus Depeche Mode und LaRoux’ “Bulletproof” an und kann damit getrost als Retrotrack schlechthin bezeichnet werden.

Das tendenziell hohe Tempo der einzelnen Tracks und die gelungene Verbindung zwischen Rockenergie und elektronischer Musik machen “120 Days II” zu einem Album für die Clubs. Wer nicht gerne still sitzt, seinen Tanzkörper eine dreiviertel Stunde lang fordern möchte und Lust auf genreübergreifende Musik hat, ist hier auf jeden Fall gut bedient.

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Tracklist:

  1. Spacedoubt
  2. Dahle Disco
  3. Lucid Dreams Part 1
  4. Lucid Dreams Part 2
  5. Lucid Dreams Part 3
  6. Sleepless Nights #4
  7. Sunkissed
  8. SF
  9. Osaka

(Smalltown Supersound)

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Von Marisa Urban

“Das ist der beste Job der Welt”

 

Fast 6 Jahre mussten wir warten, aber jetzt ist es soweit. Es gibt ein neues Album von Mouse on Mars. “Parastrophics” heisst das gute Stück und Ende Februar auf Monkeytown Records erschienen.

Jan St. Werner und Andi Thoma sind seit 1993 gemeinsam als Mouse on Mars unterwegs und leben beide mittlerweile in Berlin. Sie gehören international zu den bekanntesten Protagonisten der deutschen Elektronik und auch beim mittlerweile zwölften Album fallen sie nicht in die Routine des globalen Techno-Jetsets sondern bleiben überraschend.

Wir haben Jan St. Werner und Andi Toma in unser Studio geholt, um mal die ganze Geschichte rund um Mouse on Mars zu besprechen – schließlich sind die Beiden ja schon wirklich lange im Musikgeschäft unterwegs und ein simples “Wir reden mal über die neue Platte”-Gespräch hätte da nicht ausgereicht.

So haben sie im Interview mit BLN.FM verraten, dass es zu fast jedem Track ihres neuen Albums eine Charakter oder eine Person gibt, auf der das Stück basiert – man könnte auch sagen “musikalische Avatare”. Außerdem geht es im “Mouse on Mars”-Spezial um die Eigenresonanz von BLN.FM, die Geschichte des Projekts Mouse on Mars, das Visuelle in der Musik und ja, ihr bekommt auch das neue Album zu hören.

Das BLN.FM Mouse On Mars-Spezial zum Nachhören:

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Einen Vorgeschmack auf das neue Album findet Ihr auf Soundcloud.

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Von Simon Hennke

Qluster: Rufen – Fragen – Antworten

Wer die diesjährige Club Transmediale besucht hat, wird sich womöglich noch an den meisterhaften Auftritt von Qluster im Hebbel am Ufer erinnern (siehe BLN.FM-Retrospektive). Hans-Joachim Roedelius ist der Protagonist von Qluster, dessen Ursprünge bis ins Jahr 1968 zurückreichen: In dem von ihm und Conrad Schnitzler gegründeten elektronischen Musiklabor Zodiak Free Arts Lab treffen die beiden Experimentierfreunde auf den Schweizer Dieter Moebius und gründen das Projekt Kluster, aus dem Schnitzler nach nur einem Jahr austritt. Roedelius und Moebius fahren als Duo fort – allerdings unter dem Namen Cluster. Nachdem sich 2010 auch Dieter Moebius ein für allemal vom Projekt verabschiedet, holt sich Roedelius den Klangkünstler Onnen Bock an Bord und verpasst dem Namen den letzten Feinschliff: Qluster. Das offizielle Debüt des Duos ist die Trilogie “Rufen – Fragen – Antworten“, dessen dritter Teil “Antworten” kürzlich auf Bureau B erschienen ist. Höchste Zeit also, dieses Gesamtwerk genauer unter die Lupe zu nehmen.

Fragen

“Fragen”, der erste Teil der Trilogie, wird mit “Los geht‘s” eröffnet und lässt schon erahnen, in welche Richtung sich Qluster damit bewegen möchten: sphärische Musik, die ausschließlich auf analogen Synthesizern eingespielt wurde (u.a. Industrial-Liebling Korg MS-20 und Roland Jupiter-4). Das Ergebnis sind raffinierte Klangexperimente, die sich trotz einer gewissen Geradlinigkeit in jeder Sekunde weit jenseits der Monotonie bewegen. In dem zwölfminütigen Herzstück “Wurzelwelt” wird eine düstere Landschaft betreten, die durch Staccato-Orgelharmonien und avantgardistische Melodien ausgeschmückt wird und unendlich viel Raum zur Improvisation lässt. Gegen Ende werden orchestrale Dimensionen erreicht, die sicherlich jeden Film noir zu bereichern wüssten. Eine schöne Welt, diese Wurzelwelt!

Rufen

Auf ähnlich sphärischem Terrain bewegt sich der Nachfolger ”Rufen”, der vier ebenfalls nur analog eingespielte Livemitschnitte beinhaltet. Felix Jay und Yuko Matsuzaki steuern zusätzliches Soundmaterial bei. Was auf “Live Bei More Ohr Less, Lunz August 2010“ mit meditativen, minimalen Melodien und kammermusikalisch beginnt, dehnt sich im dreiteiligen Set von “Live In Schoenberg, December 2010″ in experimentelle und psychedelische Klangpanoramen aus, die an einigen Stellen von Drones geradezu zerrissen werden. “Rufen” ist nicht so eingängig wie der erste Teil, allerdings mit etwas Zeit umso eindringlicher.

Antworten

Schließlich folgen die “Antworten” - nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest; verpackt in 42, nein: 50 Minuten. Es ist dieses epiphanische Gefühl, dass dieses Album hinterlässt, nachdem es wie ein Tornado durchgefegt ist. “Antworten” wurde um Mitternacht im Keller der Berliner Philharmonie komponiert und aufgenommen – auf zwei Steinway-Pianos und auf beliebig vielen Klangschalen. Es ist ein Klavieralbum, das die Seelen eines Claude Debussy oder John Cage in Perfektion zu verkörpern weiß und daraus etwas schafft, das neu und in jeglicher Hinsicht richtungsweisend klingt: Sieben improvisierte Albumblätter, die mit jeder Taste den richtigen Nerv treffen. Der gebührende Abschluss einer Trilogie, die hoffentlich einen hartnäckigen Fleck in der Musikgeschichte hinterlassen wird.

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Tracklist “Fragen”

  1. Los geht’s
  2. Auf der Alm
  3. Zartbitter
  4. Wurzelwelt
  5. Fünf nach Eins
  6. Haste Töne
  7. Josef Z.

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Tracklist “Rufen”

  1. Live bei More Ohr Less, Lunz August 2010
  2. Live in Schönberg I, December 2010
  3. Live in Schönberg II, December 2010
  4. Live in Schönberg III, December 2010

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Tracklist “Antworten”

  1. Nachts in Berlin 1
  2. Nachts in Berlin 2
  3. Nachts in Berlin 3
  4. Nachts in Berlin 4
  5. Nachts in Berlin 5
  6. Nachts in Berlin 6
  7. Nachts in Berlin 7

(Bureau B)

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Von Poyraz Hannutoglu

Grimes – Visions

Claire Boucher aus Montreal war extrem produktiv in den letzten zwei Jahren. Sage und schreibe drei Alben und eine Doppel-EP hat sie unter dem Namen Grimes aufgenommen. Das aktuelle Album “Visions” ist das neueste in dieser Reihe. Eine ordentliche Liste, wenn man bedenkt, dass sie keinerlei musikalische Ausbildung genossen hat. Mehr sogar, sie bezeichnet ihre Unkenntnis Musik zu spielen als ihr größtes Kapital. In einem Interview sagte sie, dass sie eigentlich versuche, anderen etwas nachzumachen und ihr Scheitern zum kreativen Prozess beitrage: “Ich versuche die Dinge zu  imitieren und dann scheitere ich dabei kläglich, was herauskommt ist einfach – etwas anderes”

Umso erstaunlicher, dass “Visions” voll ist von guten Songs, Klängen und Momenten. Tatsächlich aber scheint alles ein klein wenig neben der Spur zu sein. Vielleicht liegt es an Montreal, einer seltsamen Stadt, die kulturell auf halben Weg zwischen Frankreich und den USA liegt. Dementsprechend hört sich ihre Musik manchmal an, als liege sie auf halben Weg zwischen Pop und Avantgarde. Mal kommt sie mit simplen Melodien daher und leicht kitschigen Momenten, mal mit atonalen Klängen, die etwas aus dem Rhythmus gekommen sind. Aber es funktioniert trotzdem immer irgendwie. Da fängt “Be A Body” mit einer gebrochenen Fläche an, so dass man meint, gleich komme irgendein Techno-”Best of” – und kurz darauf verwandelt der Künstlerin Stimme das Ganze in einen abwechslungsreichen und spannenden Song. Oder sie beginnt mit einem leicht gequält klingenden Synthesizer und leitet damit einen Popsong ein, der fast Kinderlied-Qualität hat, so mitsingbar ist er. Es sind Lieder mit simplen, aber gut funktionierende Melodien, die dann aber doch immer wieder in dunkle Gefilde abdriften, wenn man es nicht mehr erwartet.

Reizpunkt für mache Hörer wird bestimmt Claires Stimme sein, denn wer elfengleichen Gesang nicht mag, wird wohl auch “Visions” nicht mögen. Wenn dann noch die Chöre anschwillen und die Lo-Fi-Ästhetik ihrer Musik aufbrechen, ist das schon eine seltsame Mischung.

Dass es Popalben bis zum Abwinken gibt, ist kein Geheimnis – und auch das vorliegende würde nicht herausragen, wäre es nicht so gut komponiert und strukturiert. Besonders herausragend ist das Finale “Skin”: Wenn lediglich ein tief schwingender Synthiebass im Hintergrund wabert und Grimes Stimme am Ende nur noch flüstert, beweist sie, dass sie auch reduzierte und intime Momente schaffen kann. Dabei schafft sie es spröde, kühl und dunkel zu klingen, aber dennoch verdammt viel Lebensfreude zu transportieren. Man erwischt sich, wie man bei eine leicht schrägen Synthiemelodie mitwippt oder ihren Gesang mitsummt. Claire Boucher würde es vermutlich nicht im Mindesten stören, wenn man dabei ihre Melodie nicht so recht trifft und es sich schräg anhört. Ganz im Gegenteil: sie würde einfach einen neuen, wundersamen Popsong daraus machen.

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Tracklist:

  1. Infinite Love Without Fulfillment (Intro)
  2. Genesis
  3. Oblivion
  4. Eight
  5. Circumambient
  6. Vowels = Space and Time
  7. Visiting Statue
  8. Be a Body
  9. Colour of Moonlight (Antiochus) feat. Doldrums
  10. Symphonia IX (My Wait Is U)
  11. Nightmusic feat. Majical Cloudz
  12. Skin
  13. Know the Way (Outro)

(Indigo)

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Von Jens Baudisch

Diverse – Shangaan Shake

shangaan shake - Cover In Zeiten eines nahenden Bundespräsidenten, zu dessen Wortschatz das Wort “Überfremdung” gehört, kann man wohl gar nicht oft genug darauf hinweisen, wie fruchtbar kultureller Austausch ist. Das Londoner Indielabel Honest Jon’s liefert jetzt mit “Shangaan Shake” eine Compilation mit einem prickelndem Clash von afrikanischer Musik und Elektro.

Pikanterweise treffen hier auch noch die Begriffe “Elektro” und “Electro” aufeinander: Im Jahr 2010 veröffentlichte Honest Jon’s mit “Shangaan Electro” eine Zusammenstellung der Musik des Labels des südafrikanischen Musikers, Producers und Talentsuchers Richard Hlungwani alias Nozinja. Was wir hier im Abendland nachts so als “Elektro” hören, ist weit entfernt von dem, was Nozinja damals “Electro” taufte: Er knöpfte sich die Musik seines Stammes vor – der Shangaan aus dem ländlichen Südafrika – und transferierte sie in die heutige afrikanische Zeit. Dabei ersetzte er den Live-Bass durch Marimbas, die nur sehr wenige fette Bassfrequenzen haben. “Shangaan Electro” überrascht einen unbefleckten Hörer durch die Abwesenheit elektronischer Klänge und dem unglaublichen Tempo von 180 bpm – wie zu Zeiten des alten Techno.

Honest Jon’s gab nun die ursprüngliche “Shangaan Electro”-Compilation an die “westliche” Elektro-Welt weiter und heraus kam eben “Shangaan Shake” mit Remixen von unter anderem Theo Parrish, Actress und Ricardo Villalobos. Aber wie remixt man 180 bpm im Jahr 2012? Das Tempo ist für die Shangaan-Electro-Tänzer von essentieller Bedeutung, wie überhaupt in afrikanischer Musik einem Musikstil immer ein eigener Tanz zugeordnet ist. Ohne Tanz keine Musik, und eben auch kein Künstler. Nozinja beschreibt seine Talentsuche sogar so: “Er oder sie muss tanzen können. Wenn du tanzen kannst, kannst du auch verkaufen.” So schnell wie die Beats von Shangaan Electro sind, so schnell bewegen sich auch die Tänzer. Der großen Bedeutung und tiefen Verwurzelung des Tanzes in Leben und Kultur Afrikas zollt etwa der Chicagoer Hip-Hop-Produzent RP Boo mit seinem Remix Respekt, indem er einen eigenen Text hinzufügt: “Africa’s soul is coming from a body”. Trotzdem ist der Remix des selbsternannten “creator of footwork music” so langsam, dass ein Shangaan-Electro-Tänzer nicht dazu tanzen könnte.

Die Verlangsamung der Geschwindigkeit nimmt dem “Shangaan Electro” sein grundlegendes Merkmal, trotzdem wagen die meisten “Shangaan Shake”-Remixe diese tiefgreifende Abwendung vom Original. Dieses kommt manchmal nur noch als Echos kurzer Voice-Samples vor, wie ein Traum von Afrika. Konsequent auf Beats zu verzichten ist dabei ein Statement, auf das Hardwax-Gründer Mark Ernestus und das britische Pop-Duo Hype Williams in ihren Remixen setzen. Wer das als respektlos betrachtet, muss zu anderen Tricks greifen – einige Remixer unterlegen ihren Tracks einfach einen Beat im halben oder gar im Vierteltempo. Der legendäre Free-Jazz-Drummer Burnt Friedman, der mit komplexen afrikanischen Beats bestens vertraut und darin versiert ist, spielt zum Beispiel und nicht ohne Ironie einfach einen Vierviertel-Takt zum polyrhytmischen Original.

Detroit-House-Produzent Theo Parrish hingegen versucht mit weichen, harmonischen Flächen, die er über durchdrehende Marimbas und Vocal-Samples legt, unseren Puls hier und da ein wenig zu beruhigen. Nach 13 Minuten ist man trotzdem ordentlich durchgeschüttelt. Die eleganteste Lösung des Tempo-Problems bieten allerdings Ricardo Villalobos und Max Loderbauer an: Just funk it! Die originalen Beats werden durch Off-Beats ersetzt, wodurch das Tempo langsamer erscheint, obwohl es die ursprüngliche Geschwindigkeit beibehält. Das Ergebnis ist ein zeitgemäßer Dance-Track, der die Floors von London, Berlin und Buxtehude füllen könnte. Am Ende erscheinen diese beiden am ehesten als diejenigen, die ein bisschen echtes Afrika in die aktuelle Elektro-Welt hinüber retten konnten.

Ende der 1990er, als 180 bpm im Techno noch gang und gäbe waren und die Pitchbuttons der Plattenspieler meist auf Anschlag standen, hätte sich dieses Tempo-Problem im Ringen um Langsamkeit, das das ganze Album durchzieht, vermutlich gar nicht gestellt. Aber so ist mit “Shangaan Shake” eine interessante Compilation recht experimenteller elektronischer Musik mit afrikanischen Einflüssen entstanden. Wer dafür offene Ohren hat und nicht zuviel Afrikanisches erwartet, sollte rein hören.

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Tracklist CD 1:

  1. Mark Ernestus Meets BBC
  2. Oni Ayhun Meets Shangaan Electro
  3. MMM Meets Tshetsha Boys
  4. Peverelist Meets Tshetsha Boys
  5. DJ Rashad & DJ Spinn Meet Tshetsha Boys
  6. Actress Meets Shangaan Electro
  7. Old Apparatus Meets Shangaan Electro
  8. Theo Parrish Meets Mancingelani

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Tracklist CD 2:

  1. Demdike Stare Meets Shangaan Electro
  2. Anthony Shake Shakir Meets BBC
  3. Burnt Friedman Meets Zinja Hlungwani
  4. RP Boo Meets Shangaan Electro
  5. Actress Meets Shangaan Electro 2
  6. Hype Williams Meets Shangaan Electro
  7. Ricardo Villalobos & Max Loderbauer Meet Shangaan Electro
  8. Mark Ernestus Meets BBC Version
(Honest Jon’s Records)
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Von Martina Dünkelmann

Spezial: WhoMadeWho

WhoMadeWho im BLN.FM-Studio mit Simon Hennke

WhoMadeWho mit neuem Album und Acapella-Gesangskünsten im Studio bei Simon Hennke. Das WhoMadeWho-Spezial auf BLN.FM! (05/03/2012)

Tracklist + Podcast

Scuba – Personality

Scuba - Personality - Cover Was sich mit den Veröffentlichungen auf Hotflush und der Erschaffung seines zweiten Alias SCB als Techno-Identität andeutete, vollzieht Paul Rose alias Scuba auf seinem neuen Album “Personality” so gut wie komplett: Dubstep? Fehlanzeige. Darauf wollte sich der Londoner aber sowieso nie festlegen, auch wenn seine vergangenen Veröffentlichungen und die von ihm organisierte Partyreihe “Sub:stance” im Berghain mal mehr und mal weniger dafür sprachen.

Die neueste Single des Wahlberliners, “Adrenalin”, ist ein treibender, vor House nur so triefender Track, der noch vor der Album-Auskopplung “The Hope” veröffentlicht wurde – und eben nicht unter dem Techno-Alias SCB, sondern als Scuba. Dieses Detail ließ schon darauf schließen, dass sich die beiden Persönlichkeiten von Paul Rose immer schwerer voneinander trennen lassen. Während sich bei den beiden Vorgängeralben Dubstep klar als Inspirationsquelle heraushören ließ, bedient sich Scuba für die Produktionen seines neuesten Streiches bei anderen Elektronikmusikgenres.

Auf “Personality” besitzen nur drei Tracks eine durchgehende Bassdrum, während die Akzente beim Rest der Stücke mit Snaredrums auf dem zweiten und vierten Schlag liegen, was charakteristisch für den sogenannten Electro ist. Das Elektronikmusikgenre enstand Mitte der 1970er in den USA aus Funk und ist deshalb auch als “Electrofunk” bekannt. Scuba nutzt dessen Beats als Grundgerüst für seine Tracks, was durchaus groovt und funky sein kann, wie zum Beispiel bei “July”. Auch wirkt es seltsam erfrischend, weil so klare Referenzen zum Electro doch eher eine Seltenheit darstellen. So gibt schon der Eröffnungstrack – passenderweise “Ignition Key” (zu deutsch: Zündschlüssel) getauft – sowohl den Ton als auch die Stimmung des Albums vor. Nach einer düster gehaltenen Anfangssequenz rollt der Beat los und helle 80s-Synthies übernehmen das Ruder. Dem springt “Underbelly” mit 4-to-the-floor und knatternden Geräuschen entgegen. Der Subbass setzt ein und es geschieht doch noch das fast schon unglaubliche – der Track gerät im letzten Drittel in Dubstep-Fahrwasser. Der Beat schafft den vielschichtigen, flirrenden Klangflächen Raum, in dem sie sich am Ende verlieren.

Oft klingen bei den Tracks, wie bei der Single-Auskopplung “The Hope” oder “Action”, auch Trance-Einflüsse durch oder es geht wie bei “Cognitive Dissonance” oder “NE1BUTU” klar in Richtung Breakbeat. Letzteres erscheint mit seinen süßlich-euphorischen Klavierakkorden als Hommage an vergangene Rave-Tage, was vielleicht etwas lächerlich wirkt, aber auf jeden Fall Spaß macht.

Auch wenn “Personality” durchaus kein schlechtes Album ist, klingen die teilweise stark an 80s-Pop erinnernden Stücke hin und wieder ein wenig zu glatt und unaufgeregt, sodass die Halbwertszeit leider kürzer ausfällt als man erwartet hatte. Trotzdem bleibt Scuba er selbst und verliert sich auch mit seinem dritten Langspieler nicht in Genrebegrenzungen, sondern sucht sein Heil vielmehr in der Electro-Beat-basierten Vielfalt. Am Ende bringt das auf jeden Fall tanzbare Unterhaltung.

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Tracklist:

  1. Ignition Key
  2. Underbelly
  3. The Hope
  4. Dsy Chn
  5. July
  6. Action
  7. Cognitive Dissonance
  8. Gekko
  9. NE1BUTU
  10. Tulips
  11. If U Want
(Hotflush Recordings)
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Von Philipp Weichenrieder

Ital – Hive Mind

Ital - Hive Mind

Daniel Martin-McCormick ist ein Musiker, der sich von so etwas wie Genrebarrieren, Stilgesetzen oder journalistischen Grenzhütern nicht aufhalten lässt. Aufgewachsen in Washington D.C., war er zunächst mit den Black Eyes Teil der dortigen Hardcore-Szene, begegnete dem Disco-Punk als Teil der Band Mi Ami, wurde dann zu Sex Worker auf Not Not Fun und schließlich zu Ital auf 100% Silk. Nun endlich ist er auf dem Planet Mu angekommen und hat dort sein Albumdebüt veröffentlicht.

Auf “Hive Mind” verbindet Martin-McCormick Elemente aus Dub, Ambient, Minimal und Industrial zu seiner eigenen Version von Experimental House. Über rollende 4/4-Strukturen stülpt er flirrend schwebende Synthesizer-Figuren, webt teils dunkle Klangflächen und Basslinien, teils Muster aus minimalistischen Soundpartikeln in sie hinein. Aus wohligen House-Gefilden heraus schafft er dabei in Stücken wie „Floridian Void“ und „Israel“ Atmosphären seltsamer Unvertrautheit. Ein Gefühl der Rastlosigkeit drängt sich auf: nie kann man es sich so richtig in einem seiner Tracks gemütlich machen, immer wühlt etwas Fremdes das Bekannte auf. Ital selber sprach jüngst in einem Interview von einer Art „social alienation or bodily dissonance“, von „uncomfortable feelings“, aus denen heraus eine Menge seiner Musik entstehe. Gefühle der Entfremdung also, auch körperlicher, die sich in seinen Tracks wiederfinden.

Tatsächlich ist Itals Musik geprägt von Körperlichkeit – gepaart mit einem bemerkenswertem Ideenreichtum. Sie ist unangepasst, fügt sich nicht in ein etabliertes House-Genre, ist aber dennoch untrennbar mit dem Oberbegriff verbunden. “Hive Mind” spielt mit Gewohnheiten, Erwartungen und Haltungen. Der Eröffnungstrack “Doesn’t Matter (If You Love Him)” baut beispielswiese auf einem kompromisslos vorwärtsgewandten Bass und auf der endlos geloopten Stimme von Lady Gaga auf – und ein Bruchstück aus “I Will Always Love You” von Whitney Houston selig ist ebenfalls zu finden. So extrovertiert und skurril der Opener erscheinen mag, so in sich gekehrt und fast schon zurückhaltend kommt “Privacy Settings” daher: Bedrohlich ziehen dunkle Synths und schleppende Rhythmen wie finstere Wolken durch den Track.

“Hive Mind” bietet Experimental House mit Tiefgang. Nach einer Message oder einer Schlüsselidee des Albums gefragt, beschrieb Ital diese als „juxtaposition of a lot of the grossness of modern life with the excitement of just enjoying life. I mean a lot of people could listen to the tracks and dance and really feel it, but at the same time I felt like the world presses on you in really intense ways.” Nicht nur diesen Gegensatz aus Hedonismus und Weltschmerz, sondern auch die Vielzahl der musikalischen Ideen bringt Ital zu einem stimmigen Ganzen zusammen. Mit “Hive Mind” liefert Daniel Martin-McCormick eine kollektive Hörerfahrung für Körper und Geist – ein beachtliches Debüt. Gerne mehr davon.

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Tracklist:

  1. Doesn’t Matter (If You Love Him)
  2. Floridian Void
  3. Privacy Settings
  4. Israel
  5. First Wave

(Planet Mu)

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Von Benedikt Herrmann

Phenomenal Handclap Band – Form & Control

Retro-Elemente lassen sich nicht mehr aus der Musikwelt wegdenken – wie auch, schließlich ist fast alles schon einmal da gewesen. Auch die Phenomenal Handclap Band hat ein Faible für die Vergangenheit. Das New Yorker Künstlerkollektiv hat das Spiel mit dem Stil der 70er-Jahre perfektioniert. Als Teil der großen Gomma-Familie durften die kreativen Köpfe sich dieses Jahr bereits im Rahmen der “Casablanca Reworks” mit Peaches zusammentun und bringen nun ihr zweites (beziehungweise ihr drittes, wenn man die Remix-Version ihres Debüts mitzählt) Album heraus.

“Form & Control” nimmt den Hörer mit auf eine Reise in die Zeit von Flower Power und Dancing Queen. Zwölf Titel, die zu einem genreübegreifenden Tanztee und mehr als bloßem Händeklatschen einladen. Sowohl auf der Label- als auch auf der Band-Website wird mit Zuordnungsversuchen nur so um sich geworfen. Von “rock/alternative” über “psych, soul, and cosmic disco” bis hin zu “prog-pop, new wave and modern leftfield dance” ist alles dabei. Und das Bemerkenswerte ist: Alles davon ist ein bisschen wahr.

Der Track “Give” verbreitet als funkige Cosmic-Disco-Nummer gute Laune und versprüht ein wenig vom Flair des Summer of Love. Die Kombination aus klassischen Poprock-Elementen und einem Hauch orientalischen Sounds überzeugt wiederum bei “Mirrors”. “Shake” hingegen erinnert mit seinen Synthie-Arrangements und entspannten Gesangspassagen irgendwie diffus an das Album von Mark Ronson and The Business Intl. (was auf jeden Fall als Kompliment gesehen werden kann). Und auch eine andere Referenz lässt sich nicht von der Hand weisen: ABBA. Vielleicht ist es die Mischung aus zarten Damenstimmen, den meist im Hintergrund bleibenden Männergegrummel und der 70er-Atmosphäre, die diesen Eindruck hervorruft? Besonders “Following” mit seinem eingängigem Gesang und dem Stakkato-Synthie könnten ohne weiteres von einer modernen Version der schwedischen Grand-Prix-Helden stammen.

Wenn nicht überall ein moderner Einschlag zu spüren wäre, müsste sich das Album vielleicht den Vorwurf gefallen lassen, ein aus alten Schinken zusammengebasteltes Werk zu sein. Ein paar Verzerrer und Hall hier und dort, ein bisschen Indietronic-Feeling gepaart mit Disco-Groove in “The Right One” oder in Stücken wie dem Titeltrack “Form & Control”, der sich von Klavierklängen tragen lässt  und einen lässigen Jam-Session-Charme entfaltet – Langeweile kommt bei diesem Album nicht auf. Die Phenomenal Handclap Band zeigt, wie zeitgemäß das Vergangene sein kann.

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Tracklist:

  1. Following
  2. The Right One
  3. The Written Word
  4. The Unknown Faces At Father James Park
  5. Shake
  6. Form & Control
  7. Give
  8. Afterglow
  9. Winter Falls
  10. All Cliches
  11. Mirrors
  12. The Attempt

(Tummy Touch Records / Gomma)

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Von Marisa Urban

Zonic – Al’Haca Dubshow #1

darwin

Los geht's mit der Dub-Tauchfahrt von Al'Haca. Zum Start stecken wir die wichtigsten Koordinaten ab. Mit Shackleton, Vex'd und Deadbeat. (27/02/2012)

Tracklist + Podcast

Diverse – Inner Self Globophobic Clown Tester (Part 1)

Diverse - Inner Self Globophobic Clown Tester Part 1Dem ein oder anderen Plattensammler mag es schon ähnlich ergangen sein: Man kauft einen Tonträger aus dem Regal ganz da hinten in der Ecke, weil das Cover so hübsch oder der Titel so verheißungsvoll wirkt – und zuhause entdeckt man dann, dass die Musik eigentlich unhörbar ist. Meist kein Grund zum Ärgern, denn immerhin ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass man eine diskophile Rarität erworben hat. Auf eben diese Weise gelangte zum Beispiel vor Jahren die Noise-EP der “Syncopated Elevators Legacy” mit dem schönen Titel “An Heliocentric Saltbox” in den Besitz des Rezensenten. Und über die Lust am Namen kam auch der Rezensionsauftrag für die Werkschau “Inner Self Globophobic Clown Tester” des Labels Wildrfid zustande. Wie es der Zufall will, ähneln sich die beiden Titelmonster auch musikalisch.

Die clowneske Compilation versammelt nämlich dreizehn abstrakte, experimentelle und noisige Stücke in sich, die nur mit viel Lust aufs Verschrobene in einem Stück wegzuhören sind. Das Klangspektrum bewegt sich dabei stets zwischen Bits und Chips, zwischen Samples aus der Stadt oder von Barney, dem anstrengenden Dinosaurier, zwischen Übersteuerung und Wahnsinn. Es gibt Momente des Glitch und der Clicks & Cuts, manchmal blitzen Melodien auf, hin und wieder schält sich sogar ein Beat aus dem Durcheinander, der die Hörgewohnheiten nicht direkt durchkreuzt. Insgesamt aber bleibt es sperrig; ein roher, wilder Dschungel der Inspirationen tut sich auf, der einen wunderbaren Soundtrack abgegeben hätte zum “Fischgrätenmelkstand“, der letzten Installation in der Temporären Kunsthalle Berlin.

Das sehr junge Schweizer Label Wildrfid bietet mit seiner ersten Compilation (und seiner fünften Veröffentlichung überhaupt) einen Einblick in seine geheimnisvolle Welt, die sich auch in der schrägen und wortkargen Website ausdrückt. Keine Infos über die Macher, nichts über die Künstler mit so hübschen Namen wie Donald Suck, Exteenager oder Cancelled. Wer ein bisschen sucht, findet immerhin das vermutlich auf einem Berliner Küchentisch entstandene Video zu “Gumgumgaga” von Uiutna. Selbst der Waschzettel zur Platte spricht nur von einem “mess of material”, was durchaus zutrifft. Der “Inner Self Globophobic Clown Tester” – oder besser: dessen erster Teil, denn es wird ja mehr versprochen – ist in jedem Fall eine Ursuppe, die jetzt noch etwas bitter schmeckt und voll von bizarrem Gewürm ist. Doch genau das ist die Natur der Dinge, wenn eines Tages geflügelte Nashornfische aus dem Teich steigen sollen.

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Tracklist:

  1. Exteenager – Religious Morning with Birds
  2. Donald Suck – Interfugue
  3. Cancelled – Nur
  4. Anita – Non Solo Emu
  5. Uiutna – Romantic Nit
  6. Exteenager – I am shy Song
  7. Donald Suck – Interjupe
  8. Uiutna – Gumgumgaga
  9. Bulb – Nu Rhytm
  10. Donald Suck – Interjuge
  11. GB – Kind of Glue
  12. GB – Titolo Fai Tu
  13. Cancelled – Doccia

(Wildrfid)

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Von Matthias Bauer

Neu auf BLN.FM: “Zonic”-Dub-Show mit Al’Haca-Soundsystem

Al'HacaAb Frühjahr 2012 geht das Al’Haca-Soundsystem mit Euch auf eine audiophile Tauchfahrt in die unendlichen Tiefen des Dub-Ozeans und fördert dabei seidig schimmerndes Perlmutt ins Scheinwerferlicht des Sub-BASS-marines. Umgeben von einer Halo aus Echowellen ist das Missionsziel der Reise durch Klang-Räume und -Zeiten dabei klar definiert: das Aufspüren und Einsammeln auch der marginalsten Dub-Spuren am Rand der Wahrnehmung. Das Forscherteam, bestehend aus Bert “Birdman” Greif (Navigation), Alexander “Pehle” Pehlemann (wissenschaftlicher Leiter), Christian “Cee” Schwanz (Bordingenieur) und Stefan “Stereotyp” Moerth (Waffenkontrolle) wird Euch monatlich die gesammelten Proben und Artefakte vorstellen und durch Logbucheinträge erläutern. Erwarte das Unerwartete!

Die Sendung präsentiert Neues und Archiv-Goldstaub, Dj-Mixe, Live-Mitschnitte eigener Shows und befreundeter Künstler, Interviews und Features aus dem entgrenzten Klangspektrum, zwischen traditionellem Dub, abstraktem  Dubstep und Grime, krautigem Ambient bis Techno, House und Allem, was sonst noch, auf Bass-Wellen reitend, in Sonarreichweite schwimmt.

Der erste Tauchgang startet am Dienstag, dem 28.  Februar 2012 um 20 Uhr! Die Erstaustrahlung einer Ausgabe der “Zonic”-Show erfolgt danach jeden 4. Dienstag im Monat! Wiederholungen, darauffolgender Mittwoch 21 Uhr und Sonntag 22 Uhr.

Natürlich findet Ihr Al’Haca auch auf Facebook.

In english please: The Al’Haca-Soundsystem goes with you on an audiophile dive into the infinite depths of the DUB-ocean and thereby brings silky, shimmering nacre into the spotlight of the sub-BASS-marine. The show presents new and archived gold dust from the borderless Zonic spectrum: from traditional dub, abstract dubstep, grime and dubby house to whatever else, still riding on bass waves will swim in sonar range.

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Von Bert Greif

Die Antwoord – Ten$ion

Die Antwoord: Tension Als sich Die Antwoord vor einigen Jahren aufmachten, mit den Grenzen des “guten Geschmacks” Limbo zu tanzen, bedurfte es schon einer gewissen Portion Furchtlosigkeit, sich dem Erstlingswerk “$O$” hinzugeben. Obszöne Schimpftiraden und homophobe Verse auf Afrikaans, gepaart mit stumpfen Beats und Ekel erregenden Videos sind wahrlich nicht jedermanns Sache. Dass sich die Band dennoch großer Beliebtheit erfreut, liegt am pointierten Ansatz: Alles ist Satire, alles ist erlaubt.

Erfolg durch Provokation – das mag durchaus kalkuliert wirken, ist aber auch ein probates Mittel, um sich in der Musikwelt einen Namen zu machen. Und eben das gelingt kaum einer Gruppe so gut wie dem Trio aus Südafrika. Bis zu Perfektion verkörpern sie die Zef-Kultur, die am ehesten mit dem “White Trash” in Nordamerika zu vergleichen ist. Da passen die Kakerlaken, die im Video zu “I Fink You Freeky” übers Essen laufen, genauso in die Inszenierung, wie Yolandi Vi$$ers wasserstoffblonde Vokuhila-Frisur oder die Gang-Tattoos, die Goldkette und der Oberlippenbart von MC Ninja.

Die Bedeutung von Die Antwoord ist unbestritten. Keine andere Stimme in der Popkultur prangert so laut und unumwunden die Probleme an, die Südafrika nach Ende der Apartheid plagen: offensichtlicher Rassismus und Schwulenfeindlichkeit, aber auch eher verdrängte Aspekte wie Beschneidungsrituale in den Stammeskulturen. Gemischt wird das mit dem unverwechselbar trashigen Sound, produziert von DJ Hi-Tek, der nichts anderes will, als auf primitivste Weise zu unterhalten. Das Konzept ging auf und Die Antwoord unterzeichneten einen Vertrag bei Interscope, dem Label, das auch anderen kontroversen Gestalten wie Marilyn Manson und Lana del Rey eine Heimat bietet.

Doch während der Arbeit am zweiten Album kam es zum Zerwürfnis mit dem Verlag. Den nun auf dem selbstgegründeten Label Zef Recordz herausgebrachten Nachfolger haben Die Antwoord dann auch passenderweise “Ten$ion” getauft. Dass sich Interscope, entgegen der Absprachen, wiederholt in die Produktion einmischte, ist allerdings in Anbetracht der Lyrics auch nicht wirklich überraschend. Zentraler Streitpunkt war der Track “DJ Hi-Tek Rulez”, ein 100-sekündiger Rap, gespickt mit homophoben Pöbeleien: “DJ Hi-Tek will fuck you in the ass… You can’t touch me, faggot, you’re not man enough… I fuck you ’till you love me…” Zugegeben handelt es sich dabei um einen berüchtigten Mike-Tyson-Ausraster – und DJ Hi-Tek ist offenkundig homosexuell. Doch ist dies einer der zahlreichen Momente auf diesem Album, an dem man zu der Überlegung kommt, was Satire eigentlich darf. Welche Botschaft entsteht, wenn man unter solch niederträchtige Schwulenhetze einen tanzbaren Rhythmus legt? Sind Die Antwoord so etwas wie der Borat der Musikszene?

Im Kontrast dazu beweisen die exzellenten Titel “Fatty Boom Boom” und “So What?”, dass Die Antwoord durchaus in der Lage gewesen wären, ein hervorragendes reines Hip-Hop-Album herauszubringen. Doch genau das ist “Ten$ion” nicht – über weite Strecken sind die Texte unmotiviert oder einfach nur hohl. Zeilen wie “I’m indestructable, gangster number one… that’s why we keep it motherfucking gangsturrr!” oder “Bitch, you make a ninja wanna fuck, bitch…” wirken wie aus einem fiktiven Handbuch mit dem Titel “How to be a Gangster Rapper Pt. 1″ abgeschrieben. Die vielzitierte Satire ist eigentlich eine Spielart des Humors, doch erschreckend wenig auf dem Album ist gewitzt. Hier ein bisschen Dub-Step, dort ein paar Strophen rappen, dazu noch eine große Portion Rave.

Musikalisch betrachtet ist “Ten$ion” dennoch eine lupenreine High End-Trash-Produktion: der Schampus aus dem Discounter sozusagen. Der Rave-Rap ist den Südafrikanern auf den Leib geschnitten: MC Ninja klingt wie Eminem mit putzigem Afrikaans-Englisch-Dialekt, Vi$$ers Gesang ist so süß wie eh und je und auch die Rhythmen von DJ Hi-Tek sind schön bekloppt. Der Track “I Fink U Freeky”, wenn auch gewöhnungsbedürftig, entwickelt sich zu einer großen Tanznummer. “Hey Sexy” wird – verhalten ausgedrückt – wohl kaum einen Poesiewettbewerb gewinnen, hat aber einen ganz netten, M.I.A.-ähnlichen Basslauf.

Sicherlich gibt es die Momente, an denen “Ten$ion” Spaß macht und man bis in die Bewusstlosigkeit tanzen kann, doch ist es noch viel häufiger anbiedernd und weit weg vom selbst angestrengten politischen Diskurs. Vielleicht ist es ein cleverer Zug, erst einmal die unermessliche Erwartungshaltung nach “$O$” zu dämpfen. Das Ergebnis jedoch wirkt, als ob Die Antwoord nicht gewusst hätten, in welche Richtung sie eigentlich gehen möchten. Und so steht zu befürchten, dass dieses Album am ehesten den Soundtrack zur nächsten Bad-Taste-Party bilden wird.

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Tracklist:

  1. Never Le Nkemise 1
  2. I Fink U Freeky
  3. Pielie (Skit)
  4. Hey Sexy
  5. Fatty Boom Boom
  6. Zefside Zol (Interlude)
  7. So What?
  8. Uncle Jimmy (Skit)
  9. Baby’s on Fire
  10. U Make a Ninja Wanna F**k
  11. Fok Julle Naaiers
  12. DJ Hi-Tek Rulez
  13. Never Le Nkemise 2

(Zef Recordz)

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Von Alexander Mattern

Spezial: Mouse on Mars

Mouse on Mars: Parastrophics / Monkeytown

Fast 6 Jahre mussten wir warten: Das neue Mouse on Mars-Album steht in den Läden und Jan und Andi vor unserem Mikrofon. (23/02/2012)

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So war’s: Justice (live)

Voll, dunkel und schwitzig war’s.  Am 22. Februar lud das französisches Duo Justice in der Columbiahalle Berlin zum Konzert. Um kurz nach 22 Uhr erschienen sie auf der Bühne, die Vorfreude war groß, und die Party startete wie auf Knopfdruck. Ekstatisch feierndes Publikum bewegte sich im Rhythmus vor und zurück, Headbanging und Pogo waren angesagt – einige zart besaitete Zuschauer mit Platzangst flüchteten aus den vorderen Reihen.

Zurufe aus dem Publikum machten klar, was gewünscht war, Fans sangen Lieder an, bevor sie angestimmt wurden. Klar, Justce-Fans kennen die Hits auswendig. Die Bühne ist der Altar, das leuchtende, alles überragende Kreuz das sakrale Objekt. Verschworen war die Stimmung in der Gemeinde, das plötzliche Anstrahlen und Aufblitzen sorgte für den dramatischen Effekt. Xavier saß auch mal kurz unterhalb des Pults an einem Synthie und spielte wie ein Organist mit dem Rücken zum Saal, während Gaspard oben die Knöpfe betätigte.

Ohren und Beine wurden beim Konzert mit altbekannter Kost befriedigt. Justice gingen in ihrem Programm nicht wirklich auf ihr letztjähriges Album (hier die Review dazu) ein. Klar, „Audio, Video, Disco“ wurde am Anfang und am Ende eingesetzt. „Civilization“ gab’s auch, ansonsten kamen die Songs der neuen Platte definitiv zu kurz. Viel mehr wurde das Debüt-Album in “Greatest Hits”-Manier heruntergebetet: „We Are Your Friends“ gab’s gefühlte zehn Mal und „Stress“ wurde komplett ausgereizt. Ansonsten die Hymnen: „Genesis“, „Phantom“ und „Let There Be Light“, die Justice bei Rockern und Elektro-Fans beliebt gemacht haben. Schade, dass sie nicht den etwas abgewandelten Sound des neuen Albums spielten. Geliefert wurde also, was das Publikum will: eine beinahe orthodoxe Auslegung des Ausrast-Formel mit den Symbolen und Posen, die bereits seit der „Across the Universe“-Tour bekannt ist.

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Von Amélie Heldt

Gonjasufi – Mu.zz.le

Knapp zwei Jahre nach dem Erscheinen des aufsehenerregenden “A Sufi And A Killer“, hat Gonjasufi, der eigentlich Sumach Ecks heißt, ein neues Album veröffentlicht. Zwar ist das Album nur unwesentlich länger als eine durchschnittliche EP, aber von der kurzen Spieldauer von gerade einmal 24 Minuten und 35 Sekunden sollte man nicht darauf schließen, dass man es hier nicht mit einem in sich geschlossenen Werk zu tun hat. Die Musik von Gonjasufi soll wehtun und unbequem sein. Die facettenreichen Ausdrücke von Wut, Aggression und dann nochmal Wut auf “A Sufi And A Killer” sind auch auf “Mu.zz.le” durchaus noch präsent, aber sie zeichnen sich eher wie Silhouetten hinter einem Vorhang aus neblig-düsteren Harmonieschwaden ab. Die Beats sind langsamer und verhallter geworden, als hätte man doch noch ein wenig Zeit gewonnen, bevor alles zusammenbricht – doch dann sind 24 Minuten auch schon wieder um und das Album ist aus und vorbei. Insofern ist die Kürze des Albums durchaus als Statement zu verstehen. Denn die einzelnen Tracks könnten gefühlt oft noch einmal um die Hälfte länger sein. Man wird regelmäßig vom nächsten Song überrascht.

Mu.zz.le wurde zu großen Teilen auf der letztjährigen Welttournee Gonjasufis geschrieben, “on the road” also. Das kann man hören, die Songs entspringen meist kurzen Ideen, welche sich gut in die monotone und doch immer stressige Athmosphäre eines Tourbusses zurückdenken lassen. Alles an Mu.zz.le ist sehr weird und konfus, wurde aber gleichzeitig seltsam harmonisch und geschlossen produziert. Die Inspiration vom Hiphop ist noch stärker zu hören und bringt mehr rollende Beats mit sich, die scheinbar ziellos dahin rumpeln, während drumherum in bester Triphop-Manier nichts und doch alles passiert. Dazu besingt Eck die grotesken Probleme des modernen Menschen: Zwanghafte Gesellschaftlichkeit, die nicht vorhandene Freiheit des Geistes und der Rede (Muzzle = Maulkorb), sowie natürlich das Geld. “The Blame” ist wahrscheinlich einer der musikalisch zugänglichsten Tracks auf dem Album und fasst gleichzeitig die Message von Mr. Ecks ziemlich treffend zusammen: “I can, they can, wanna taking aim at me / Staying so aimlessly, is so plain to see.”

Mu.zz.le ist voller kleiner Details und unvorhergesehener Wendungen. Allein der Übergang von dem surrealen Duett “Feedin´ Birds” zu “Nickles And Dimes” ist ein starkes Beispiel dafür: Noch beim dritten Mal hören dringen die beängstigend realistischen Geräusche spielender Kinder glasklar und urplötzlich durch den verzerrten Lärm in den Kopf der Hörer und sorgen dort für kurze Verwirrung. Während der bloße Umfang von “A Sufi And A Killer” durch die Sperrigkeit der einzelnen Songs wirklich nicht einfach zu bewältigen war, kann man “Mu.zz.le” natürlich viel einfacher durchhören und derartige Details einfacher verarbeiten und einordnen. Die einzelnen Songs haben mehr Platz, sich zu entfalten – oder besser: Sie hätten den Platz, denn voll zu entfalten scheint sich hier nicht alles. Manche Songs auf der Platte bleiben in ihrer Wirkung ein bisschen zu kurz angebunden und wirken unfertig. Man muss angesichts der sonst so durchdachten Produktion argumentieren, dass auch dies Teil des Konzepts ist, aber es irritiert trotzdem angesichts des Potentials, welches noch in den Songs zu stecken scheint. In dieser Hinsicht wird Mu.zz.le wohl etwas seltsam bleiben.

http://youtu.be/6KyO5-_JbbI

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Tracklist

  1. White Pichetfence
  2. Feedin´Birds
  3. Nikels And Dimes
  4. Rubberband
  5. Venom
  6. Timeout
  7. Skin
  8. The Blame
  9. Blaksuit
  10. Sniffin´

(Warp)

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Von Lukas Boehnke

Air – Le Voyage Dans La Lune

Air - Le voyage dans la lune - coverKometenhaft eingeschlagen sind Air mit ihrem Debütalbum “Moon Safari” (1998), wo es thematisch um die Erkundung des Mondes ging. Seitdem geht’s bei Nicolas Godin und Jean-Benoît Dunckel immer wieder um den Weltraum. So donnerten sie schon mit synthetischem Geklacker als “Electronic Performers” daher, oder ließen im Video zu “Surfing On A Rocket” nicht ganz ernst gemeint eine junge Frau lasziv auf einer Himmelsrakete Rodeo tanzen.

Somit passender Ausgangspunkt für ihr aktuelles Album ist der 1902 entstandene gleichnamige Stummfilm “Le Voyage Dans La Lune” (Eine Reise zum Mond) von Georges Méliès, der als erster Science-Fiction-Film überhaupt gilt und gerade mal 16 Minuten lang ist. Méliès fertigte zwei Versionen an: eine schwarz-weiße und eine handgemalte, durch die Farben psychedelisch wirkende. Die letztgenannte war verschollen, bis sie 1993 vom katalanischen Filmarchiv in Barcelona aufgespürt wurde. Die stark zerstörten Bilder des Films wurden in zwölfjähriger Arbeit Millimeter für Millimeter restauriert. Vier Wochen vor der geplanten Präsentation bei den Filmfestspielen 2011 in Cannes meldeten sich die Hüter von Méliès’ Werk bei Air und fragten nach einer passenden Filmmusik für den Stummfilm. Bis ins kleinste Detail studierten Godin und Dunckel daraufhin jede einzelne Sequenz des Films, standen mit ihren Instrumenten und Klangmaschinen vor der Leinwand. Schließlich musste die Musik ja visuell funktionieren.

Mit “Astronomic Club” geht’s hinein ins Album - gemächlich und schauerlich zugleich, mit Pauken, Schlagzeug und mysteriös klingenden Stimmen. Synthies und Effekte vernebeln sich zu einem schleiernden Klangteppich, der genauso gut in einen Agenten-Film passen würde. ”How long it will take you to reach the stars?”, fragt  Beach House-Sängerin Victoria Legrand in “Seven Stars” voller Vorfreude auf die anstehende Reise.

Bizarr im Film wirkt die militärische anmutende Zeremonie und die Jubelszenen bei der Präsentation der Rakete, zu der Air das hymnenartige, heitere “Parade” komponiert haben. Die Reise beginnt, die Raumkapsel kracht unerwartet in das Auge des als Gesicht dargestellten Mondes. Mit deutlicher Symbolik hinterfragte Méliès den unaufhaltsamen Forschungsdrang, die Kolonialisierung des Mondes. “Uns machte es sehr traurig den Film zu sehen. Unsere Songs sollten deshalb melancholisch klingen – und heavy.”, sagt Godin im Musikexpress-Interview, der bei den Aufnahmen viel an Afrika und deren Kolonialisierung dachte. Mystisch verklärt und vorsichtig klingt dann auch “Moon Fever”, eine sich fortlaufend wiederholende Klavierabfolge, ein ruhiger Klangteppich erzeugt Spannung. Was erwartet die Forscher auf dem Mond? In “Sonic Armada” entfaltet sich dann die Traumwelt des Mondes: Eine wilde gestalte Landschaft, bunte Pilze schießen aus dem Boden, eine menschenähnliche Kreatur überrascht die Forschergruppe. Zu den phantasievollen Bildern quietschen die Effekte, die E-Gitarre kratzt – die Neugierde steigt.

Nach der ersten überschwenglichen Mondbesichtigung folgt die Ernüchterung. Ähnlich psychedelisch wie die Bilder ist “Who Am I Now” gestaltet: die butterweichen Stimmen der drei Sängerinnen der New Yorker Kombo Au Revoir Simone hinterfragen sich und die Mondtour. Mit “Lava” endet dann die Reise, und das Album. Eine für Air typische Klangwelt baut sich auf, sanftes Klavier zum Anfang, plötzliche Wendung und das Schlagzeug scheppert los. Dunckel zieht quietschende Töne aus seinen Synthesizern und Keyboards, sein Kollege Godin greift etwas stärker in die Seiten seiner Gitarre – alles glüht, bis es erlischt, Ende! Air haben es geschafft, die ambivalent interpretierte Eroberung des Mondes in Méliès’ Geschichte musikalisch gekonnt zu untermalen und somit  einen dem Film gerecht werdenden ersten Soundtrack zu kreieren!

Niemand besseres als Air, die sich künstlerisch gesehen sowieso lieber in retrofuturistischen Traumwelten und Phantasien als in irdischen Sphären aufhalten, wären für dieses Projekt infrage gekommen. Diese Mondreise war den beiden sogar so wichtig, dass sie die Musik zu dem 16-minütigen Film als ganzes Album weiterverarbeitet haben. Wir sind gespannt, wo die nächste Reise hingeht…

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Tracklist:

  1. Astronomic Club
  2. Seven Stars (mit Victoria Legrand)
  3. Retour Sur Terre
  4. Parade
  5. Moon Fever
  6. Sonic Armada
  7. Who Am I Now? (mit Au Revoir Simone)
  8. Décollage
  9. Cosmic Trip
  10. Homme Lune
  11. Lava

(Virgin Local, EMI)

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Von Matthias Hummelsiep

Yusuke Tsutsumi – A Grave By The Sea

Yusuke Tsutsumi - A Grave by the Sea - CoverYusuke Tsutsumi ist ein Rätsel. Er schreibt alle seine Songs selbst und hantiert dabei höchstpersönlich mit Synthesizer, Gitarre, Klavier und Mikrophon herum. Mehr als die Tatsachen, dass er 1991 in Tokyo geboren wurde, bereits im zarten Alter von 14 Jahren mit der Musik begann und tumblr gerne mit Fernweh auslösenden Bilder füllt, gibt er auf seiner Webseite nicht preis. Aber Wunderkinder, die solche Werke schaffen, dürfen so sein.

Sein neues Album “A Grave By The Sea” beweist wieder einmal, wie wunderschön und ergreifend das Einfache sein kann. Zwölf minimalistisch gestaltete Stücke ganz ohne Hektik, die nur eine große Frage in den Raum stellen: ist das eigentlich Ambient? Oder etwa Contemporary Classical Music? Die Antwort liegt wohl irgendwo dazwischen.

Ein beständiges Rauschen durchzieht einige der Stücke, so dass man beim Durchhören des Albums immer wieder denkt, an der gleichen Stelle wie schon vor ein paar Minuten oder gar Stunden angekommen zu sein. Ein Gefühl der Auswegslosigkeit entsteht, das sich perfekt in die gesamtdüstere Aura einfügt. Sex, Abschied, Zerstörung und Tod sind die tonangebenden Themen, die mit Titeln wie “Pornstar” und “Requiem for You” unmissverständlich aufgezeigt werden. “The Strip Club” ist definitiv nicht als Soundtrack zu einer heißen Show gedacht, sondern spiegelt mit der Kombination aus treibenden Drums und melancholischer Melodie vielmehr die gemischten Gefühle des Nachtlebens wieder. Von verschiedenen Pianoklängen getragen wird “I’ve Killed My Baby Boy Today”, das außerdem mit einer repetitiven, nachhallenden Klagestimme aufwartet und mit diesem Arrangement der hier offen angesprochenen Mordthematik eine fast schon heilige Komponente zuspricht. “Flowers On The Shore” als auf- und abtänzelnde, reine Klavier-Abschiedshymne berührt genauso wie die ähnlich gestaltete Nummer “Rooftop Song”.

Yusuke Tsutsumi schafft es mit einfachen Mitteln, sich in die Seele seines Gegenübers zu bohren und eine so bedrückte Grundstimmung zu verbreiten, dass man gar nicht mehr weiß, wohin mit seinen Emotionen. Alle, die sich sonst von der Opulenz klassischer Musik abschrecken lassen, und alle, denen Ambient manchmal zu abstrakt erscheint, sind hier an der richtigen Adresse. Tsutsumi vereint das Beste aus beiden Genres, bewegt sich dabei sicher zwischen Kunst und allgemeiner Zugänglichkeit und kreiert damit etwas, das ohne schlechtes Gewissen schon jetzt als zeitlos bezeichnet werden kann.

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Tracklist:

  1. A Grave By The Sea
  2. The Strip Club
  3. Birds Flying In The Dark
  4. Set Fire To My Dad’s Cabin
  5. Golden Skyline
  6. Pornstar
  7. I’ve Killed My Baby Boy Today
  8. Rooftop Song
  9. Colorless love
  10. Requiem For You
  11. A Grave By The Sea
  12. Flowers On The Shore

(Ubetoo Beats)

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Von Marisa Urban
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